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Die Brandungswelle – Claudie Gallay

Die BrandungswelleVerlag: Btb | Leseprobe (.pdf)
ISBN: 978-3-442-75242-3
Seiten: 560
Ausgabe: Hardcover
Preis: € 21,95
ET: 02.2010

La Hague im Nordwesten der Normandie: Es heißt, der Wind bläst hier zuweilen so stark, dass er den Schmetterlingen die Flügel fortreißt. Nur wenige leben hier, am Ende der Welt, am Meer, dort, wo die Menschen ebenso schroff sind wie die Natur. Sie hat ihren Mann verloren und sich in diese raue Gegend geflüchtet. Sie beobachtet Vögel, eine monotone Arbeit, die ihr gut tut und sich mit ihrem Seelenleben deckt. Sie lebt in einem Haus, der Griffue, das fast im Meer steht; niemand versteht, wie man es dort aushalten kann. Das Leben ist ruhig, von der Außenwelt so gut wie abgeschnitten, es wird vom Wetter, vom Wind, den Gezeiten bestimmt – bis eines Tages Lambert auftaucht. Fremde, die länger bleiben, gibt es selten; sie werden von den Einheimischen argwöhnisch beäugt, aber Lambert ist nicht wirklich fremd: irgendwie gehört er dazu. Vor vierzig Jahren starben hier seine Eltern und sein jüngerer Bruder bei einem Bootsunglück. Nun ist er zurückgekommen, um das dramatische Unglück von damals aufzuklären. Und allmählich bröckelt die Wand des Schweigens, hinter der jeder Dorfbewohner ein Geheimnis zu verbergen scheint. Was das Meer genommen hat, das spuckt es irgendwann wieder aus …

Meine Rezension

Es ist für mich schwer zu einem Buch eine Rezension zu schreiben, das ich vor allem wegen seiner Stimmung so gerne mochte und das mir beim Lesen öfter den Gedanken entlockte: Das ist einfach schön geschrieben! Der Autorin ist es nicht nur gelungen, die Stimmung ihrer Figuren zu transportieren, sondern auch die Landschaft und die Umgebung am Meer in La Hague sehr farbenreich zu schildern. Zwar ist alles eher grau und düster gehalten, aber man bekommt so einen Eindruck von der Gegend und vor allem auch den Menschen. So war ich sehr schnell mitten in der Handlung und ein innerer Film lief vor mir ab. Irgendwie passt auch die Umgebung ganz gut zur Handlung die in “Die Brandungswelle” erzählt wird. Wenn etwas Ereignisreiches geschieht, ändert sich auch das Wetter, so scheinen die Menschen in La Hague unbewusst auf die Natur zu reagieren und die Natur unterstreicht wiederum die Menschen in ihrem Leben. Vor allem das eher raue Klima hat es der Autorin wohl angetan. Ihre Beschreibung eines Sturms, der die Handlung einleitet, hat mir sehr gefallen und irgendwie hatte ich fast das Gefühl, mitten darin zu sein.

Die Figuren sind da schon schwieriger, mit Ecken und Kanten, man muss schon etwas genauer hinsehen, um das Liebenswerte vielleicht zu erkennen. Die Konstellationen sind oft auch nicht ganz einfach, nicht weil man die Menschen nicht auseinander halten könnte – sondern auf einer zwischenmenschlichen Ebene gesehen. Über die Jahrzehnte haben sich unterdrückte Gefühle wie Hass, Verlustängste, aber auch Liebe und Leidenschaft aufgestaut. Etwas scheint fast zu brodeln und möchte an die Oberfläche. Die Erzählerin – denn der Roman wird ganz aus ihrer Sicht erzählt – kann manchmal nur erraten, was hier vor langer Zeit begann und warum manche Verhältnisse so sind wie sie sind. Aber sie deckt durch ihre eigene Suche nach der Wahrheit so manches auf, und so wird dann am Ende auch dem Leser einiges klar. Dabei haben wir es hier mit einer recht traurigen Geschichte zu tun, und am Ende merkt man schnell, dass die Wahrheit oft sehr, sehr schmerzhaft sein kann. Und dies auf beiden Seiten: auf der Seite desjenigen, vor dem etwas verborgen wurde, aber auch genauso auf der Seite desjenigen, der verborgen hat. Gerade dies aufzudecken, ist der Autorin wirklich sehr gut gelungen.

Der Roman ist irgendwie wie das Meer: In manchen Kapiteln ist es ruhig und sanft, und in manchen dann wieder sehr aufbrausend bis am Ende noch einmal ein Sturm aufzieht.  Dennoch erzählt sie in leisen Tönen und hat so auch Zeit für Erzählstränge, die eher zum Gesamtbild der Menschen in La Hague beitragen. Vor allem der Künstler Raphael ist hier für mich genial eingefangen worden. Seine Skulpturen ziehen sich durch die Handlung und passen beim genaueren Hinsehen zur jeweiligen Situation. Auch sein künstlerisches Schaffen kann man sich richtig vorstellen. An manchen Tagen darf dann auch niemand sein Atelier betreten, so lange bis der rote Stein vor der Tür wieder fort genommen wurde. Die Autorin deutet hier auch eine Geschwisterliebe an, die etwas problematisch erscheint. Fast hat man den Eindruck zwischen Raphael und Morgane ist mehr als es zwischen Geschwistern sein sollte. Dennoch bleibt dem Leser selbst überlassen, was er davon nun eigentlich halten soll.

Dadurch dass es hier keinen allwissenden Erzähler gibt, bleiben die Figuren dem Leser dann aber doch etwas fremd. Vieles ist ja nur Interpretation der Erzählerin, und auch sie hat in vieles keinen Einblick. Vielleicht hätte mich das zu weilen etwas gestört, aber es beschreibt dadurch auch die Situation der Erzählerin, die selbst als Fremde in La Hague lebt und vor der man also auch so manches verheimlicht. Es ist nicht erwünscht, dass sie nachhakt und versucht hinter die Fassade zu blicken. Gleichzeitig erfährt der Leser auch von der Erzählerin wenig, sie hält sich zurück. Doch ihr Schmerz ist dennoch spürbar, ihr Verlust so treffend beschrieben, dass es wehtut.

Hier dringt man tief in die Gefühle anderer Menschen ein, in die Abgründe, die sich auftun, wenn man jahrzehntealten Hass hegt und pflegt, verschmähte Liebe nicht vergessen kann und alte Wunden dadurch nicht heilen können. Der schwere Verlust der Hauptfigur passt hierbei genauso ins Bild, irgendwie reiht sie sich ein Stück weit in die Menschen des Dorfes ein, auch wenn sie selbst als Einzige am Ende die Möglichkeit findet, sich von der Vergangenheit zu lösen und einen Neuanfang zu wagen.  Dies Einzufangen, vor allem auch eine Stimmung zwischen den Zeilen zu entwerfen, ist der Autorin wirklich sehr gut gelungen. Einzig ein kleiner Kritikpunkt am Ende bleibt dann doch noch: ich fand die Handlung zum Teil etwas vorrausehbar und irgendwie wusste man ab einem bestimmten Punkt sehr genau was passieren würde, noch ehe die Figuren selbst sich darüber im Klaren waren.
Es fällt mir nach wie vor schwer, die Stimmung des Buches in Worte zu fassen und ich habe das Gefühl, das was ich schreiben wollte habe ich nicht geschrieben…

Meine Bewertung

4 von 5 Büchern

Vielen Dank an btb für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.


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Letztes Update: 01. Juli 2010

Autor des Artikels

Carolin N. Kiener
Rezensentin

Ich bin im Grunde in allen Genres zu Hause, bei Science Fiction und Fantasy bin ich allerdings sehr wählerisch und da kommt mir dann auch längst nicht alles ins Regal.

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