Beim Leben meiner Schwester – Jodi Picoult
Verlag: Piper | Leseprobe (.pdf)
ISBN: 978-3-492-24796-2
Seiten: 480
Ausgabe: Taschenbuch
Preis: € 9,95
ET: 09.2007
Die Entscheidung ist ihr schwergefallen, unendlich schwer. Die allerwenigsten Menschen müssen sie jemals treffen. Doch als Anna Fitzgerald dreizehn Jahre alt ist, kann sie es nicht mehr ertragen. Längst weiß sie nicht mehr, wie viele Operationen sie über sich hat ergehen lassen müssen. Anna, so scheint es ihr selbst, ist nur zu einem Zweck geboren worden – ihrer leukämiekranken Schwester Kate das Leben zu retten. Immer wieder. Nie hat sie diese Rolle angezweifelt, bis heute: Wie jeder Teenager aber beginnt Anna sich nun zu fragen, wer sie eigentlich ist. Ob sie ohne Kate eine eigene Persönlichkeit wäre? Ob Sara und Brian, ihre Eltern, jemals einen eigenständigen Menschen in ihr gesehen haben? Anna weiß es nicht. Und sie beschließt, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen – ein Anwalt soll dafür sorgen, daß sie ihren Körper nie mehr für Kate zur Verfügung stellen muß.
Meine Rezension
Brian und Sara Fitzgerald sind glücklich verheiratet. Während Brian seinem Beruf als Feuerwehrmann weiter nach geht und damit seine Familie ernährt, gibt Sara ihren Job als Anwältin auf und wird Mutter von Jesse und Kate. Beide sind in ihrer kleinen Familie glücklich doch dann geschieht das unfassbare: Kate erkrankt mit gerade mal zwei Jahren an Leukämie, und dann auch noch an einer eher seltenen, dafür aber sehr aggressiven Form. Leider kommt keiner aus der Familie als Spender von Knochenmark in Frage und so schwinden die Hoffnungen der Familie, das Kate wieder gesund werden könnte. Da berichtet der behandelnde Arzt von einer Familie mit einem ähnlichen Fall, in dem das Nabelschnurblut eines neugeborenen Geschwisterkindes die gewünschte Heilung brachte, weil es genetisch genau zu dem kranken Kind passte.
Die Fitzgeralds schöpfen neue Hoffnung. Doch anstatt auf normalem Wege eine Schwangerschaft herbei zu führen und ein weiteres Kind zu bekommen, von dem man nicht annehmen kann, dass es automatisch genetisch genau zu Kate passen würde, wählen Brain und Sara eine unkonventionelle Form: Sie wenden sich an ein Gen Labor um dort ein Kind in der Petrieschale zeugen zu lassen, welches genetisch einwandfrei zu Kate passen wird: Anna. Mit Annas Nabelschnurblut schaffen es die Ärzte tatsächlich, Kate in Remission zu bringen, woraufhin die Familie fast ein normales Leben führen kann.
Doch dann erleidet Kate immer mal wieder einen Rückfall und jedes Mal steht Anna zur Stelle um das zu tun, was ihrer Meinung nach von ihr verlangt wird: sie spendet Blut und Knochenmark für Kate. Immer wieder. Bis sie als dreizehnjährige eines Tages rebelliert und sich einen Anwalt nimmt…
Dieser Roman steckt voller moralischer Fragen über ethische Grundsätze und lädt einen schon von den ersten Seien an ein, sich über selbige Gedanken zu machen. Zu Anfang ist es noch relativ einfach, sich auf die Seite der Fitzgeralds zu stellen oder gegen sie zu sein, wenn es darum geht, über ein “Designer Baby” aus der Petrischale zu sprechen, von dem lediglich das Nabelschnurblut der kranken Schwester gespendet werden soll. Doch dann häufen sich die Moment in denen das designte Kind spenden soll. Je weiter das Buch voranschreitet, desto schwieriger wird es, ein Pro oder Contra zu definieren, weil einfach zu viele Entwicklungen, zu viele persönliche Belange von zu vielen Menschen in Betracht gezogen werden müssen.
Da ist eine verzweifelte Mutter, welche für das Leben ihrer Tochter kämpft, auch wenn dieser Kampf noch so hoffnungslos erscheint. Ein Vater, der sich zwischen seinen Pflichten hin und her gerissen fühlt. Ein Sohn, der sich unnütz vorkommt, weil er seine Schwester nicht retten kann. Die Schwester, die vielleicht viel zu schnell als lebendes Ersatzteillager abgestempelt wird. Und über allem immer wieder – mal mehr und mal weniger deutlich zu spüren – der Wunsch, eine ganz normale Familie zu sein, in der jeder alles machen kann, was er möchte.
Dieser Wunsch ist es aber, der nicht zu erfüllen ist. Ein drohender Rückfall von Kate schwebt ständig über der ganzen Familie, der es unmöglich macht, Pläne zu schmieden die über das Heute und Jetzt hinaus gehen.
Ein überaus heikles Thema und ich persönlich hätte mir schon gewünscht, dass Jodi Picoult so beherzt bei der Sache geblieben wäre, wie sie dieses Buch begonnen hat.
Durch Annas angestrebte Klage erscheinen neue Personen auf der Handlungsliste: Campbell Alexander, Annas Anwalt, der eine schwere Krankheit zu haben scheint, die es ihm unmöglich macht, auf einen Servicehund zu verzichten und aus der er ein riesen Geheimnis macht; Julia, die vom Gericht bestellte Verfahrenspflegerin, die schon in ihrer Jugend eher rebellisch war und auf der Highschool eine tragische Liebesgeschichte mit Campbell verband; und dann noch ein Richter, der durch einen Autounfall seine zwölfjährige Tochter verlor. Diese Hintergrundgeschichten sind zwar interessant und bringen die vielen handelnden Personen auch dem Leser emotional näher, doch eigentlich sind sie für die Fitzgeralds und das Ursprungsthema nicht wichtig.
Es häufen sich also die Schicksalsschläge welche nicht zwangsweise allein durch Kates Krankheit oder Annas Klage gegen die Eltern ausgelöst werden. Das wurde mir während des lesens ehrlich ein bißchen viel. Das Thema “Leukämiekrankes Kind” und die damit verbundenen Probleme innerhalb der Familie hätten in diesem Buch vollkommen ausgereicht, um den Leser atemlos gespannt zu halten. Zumal es Jodi Picoult wirklich oft gelingt, Wendungen in die Handlung einzubauen, die man so nicht erwartet.
Doch leider scheint der Autorin irgendwann zwischendrin der Mut abhanden zu kommen. Anders kann ich mir sonst das Ende des Buches nicht erklären. Sicherlich ist es überraschend, es kündigt sich keinen Moment lang in dieser Form an und es passt von der Emotionalenebene her perfekt in das Geschehen. Und doch hat es den leicht bitteren Nachgeschmack von etwas, das ganz groß hätte werden können und sich unnötig klein macht.
Das ist auch der Grund, wieso ich diesem Buch keine 5 Punkte vergebe. Mir waren es zu viele thematische Brennpunkte als dass es der Autorin hätte gelingen können, alles zu einem runden Ende zu bringen. Hier wäre weniger deutlich mehr gewesen, zumal sie mit der Leukämie Kates und der daraus resultierenden Familienlage genug Stoff für dieses Buch gehabt hätte. Hinzu kommt dann das in meinen Augen eher unnötige Ende. Hier hätte ich mir deutlich mehr Courage seitens der Autorin gewünscht und nicht so eine feige Flucht durch die Hintertür.
Trotzdem bleibt es ein gutes Buch das man nicht mehr aus der Hand legen kann, wenn man es einmal begonnen hat.
Meine Bewertung
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