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Blut vergisst nicht – Kathy Reichs

Verlag: Karl Blessing Verlag | Leseprobe (.pdf)
ISBN: 978-3-89667-324-4
Seiten: 384
Ausgabe: Hardcover
Preis: € 19,95
ET: 08.2010

Kann ein Mensch zweimal sterben? Ein neuer Fall für Tempe Brennan

Das Leben ist vergänglich. Der Tod ist unbestechlich. Tempe Brennans Arbeit als Forensikerin bringt manche Gewissheit mit sich. Denn: Einmal stirbt jeder, richtig? Falsch. An Brennans neustem Fall ist nichts so, wie es scheint. Das beginnt mit einem Mann, der nicht ein-, sondern gleich zweimal den Tod gefunden hat. Die Leiche von James »Spider« Lowry wird am Ufer eines Sees nahe Québec entdeckt. Tempe stellt fest: Spider kam vor wenigen Tagen ums Leben, und zwar durch einen äußerst bizarren Unfall. Die nächste Überraschung: Laut seiner Akte ist der Mann seit 1968 tot, als Soldat bei einem Hubschrauberabsturz in Vietnam verunglückt. Doch wer ruht dann in Spiders Grab? Und wie kommt Spiders Leiche in einen kanadischen See? Brennan reist nach Hawaii, wo die staatliche Behörde zur Auffindung vermisster US-Soldaten tätig ist. Und wird von einer Kollegin prompt mit einem weiteren Toten konfrontiert – mit den von Haien verunstalteten, rätselhaft tätowierten Überresten eines vorbestraften Kleindealers. Nicht nur der Temperaturen wegen entpuppt sich das Inselparadies Hawaii sehr bald als heißes Pflaster für Tempe. Denn Spiders Spuren führen nicht zufällig hierher. Und die örtlichen Drogenhändler reagieren auf neugierige Ermittlerinnen so instinktiv wie Haie auf einen blutigen Köder.

Meine Rezension

„Blut vergisst nicht“ ist der 13. Band der erfolgreichen Krimi – Serie um die forensische Anthropologin Dr. Temperance (Tempe) Brennan.
Ihr neuester Fall sorgt für einige Verwirrung, denn der Mann, dessen Leiche in einem See in der Nähe Québec’s gefunden wird, dürfte eigentlich gar nicht dort sein. Viel mehr müsste er in einem Grab in South Carolina liegen, bereits vor über 40 Jahren bestattet. Doch wenn „Spider“ Lowry, der Mann aus dem See, erst vor wenigen Tagen ums Leben gekommen ist, wer liegt dann an seiner Stelle in dem Grab in South Carolina? Und wieso?
Diese elementaren Fragen führen dazu, dass Tempe zuerst eine Leiche in South Carolina exhumieren muß, von der man bis jetzt annahm, dass es sich bei ihr um die sterblichen Überreste „Spiders“ handelte,  um diese dann ins JPAC nach Hawaii zu überführen. Das JPAC ist die Zentralestelle, die sich damit beschäftigt, Kriegsgefangene und im Einsatz ums Leben gekommene Amerikaner aufzuspüren, diese zu identifizieren und sie im Anschluss daran nach Hause und zu ihren Familien zurück zu bringen.

Wieder einmal ist es Kathy Reichs gelungen, einen überaus informativen Roman zu schreiben. Ich sage das jetzt bewusst so, denn es gibt nicht viele Autoren, die sich soviel Mühe machen, das Tun und Lassen ihrer Protagonisten zu erklären. Reichs Romane bestechen nicht unbedingt dadurch, dass sie einen nervenaufreibenden Spannungsbogen vom ersten bis zum letzten Wort aufbauen. Ich hänge mich jetzt einfach mal weit aus dem Fenster und behaupte: „Das ist auch gar nicht das, was die Autorin mit ihren Werken bezwecken möchte.“
Nervenaufreibende, vor überdeutlicher Spannung triefende Kriminalromane gibt es zu tausenden auf dem Markt. Und sie haben allesamt eines gemeinsam: Nette, gut aussehende, überdurchschnittlich intelligente und vor allem super fixe Hauptpersonen, gerne Profiler beim FBI oder ähnlichen Einrichtungen.

DAS ist nicht Kathy Reichs Metier! Sie stellt mit Tempe Brennan keinen Profiler sondern eine forensische Anthropologin. Ihre Aufgabe ist es nicht zu ermitteln, wieso jemand tut, was er tut, ihre Aufgabe ist es zu ermitteln, was passiert ist. Das das vielleicht nicht immer vor Spannung triefen kann, wenn man Knochen begutachtet, sollte allgemein verständlich sein. Darüber hinaus ist es nun wirklich keine Neuigkeit, dass Kathy Reichs eine gewisse Affinität zu Buchstabenkürzeln und ausländischen Wörtern hat. Ich selber würde es nicht mal fertig bringen mir in Paris ein Taxi zu rufen, aber was Kathy Reichs aussagen möchte, wenn sie Tempe oder eine andere Person mit Fremdwörtern (in der Regel Französische) um sich schmeißen lässt, erschließt sich jedem Leser aus dem Zusammenhang. Ebenso ist es nicht neu, dass Kathy Reichs alle Abkürzungen, die sie in jedem Band verwendet, mehr als einmal ausführlich erklärt. Daher beeinflussen Abkürzungen und Fremdwörter den Lesefluss kaum und stellen für das allgemeine Verständnis des Geschehens keine Hürde dar.

Die Handlung ist zugegeben wie immer ein bisschen konfus, dabei aber niemals unlogisch. Es ist eher so, dass man auch als Leser immer wieder gezwungen ist, die vorhandenen Puzzleteile neu zu bewerten und aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Diesen Roman einfach nur herunter zu lesen ist zwar möglich, bringt einen aber selber um größtes Lesevergnügen.

Neben den Fremdwörtern und den Buchstabenkürzeln (die gerade in diesem Fall nicht auf Kathy Reichs Mist sondern auf dem der Militärs gewachsen sind, wie im Epilog zu lesen ist) nutzt die Autorin noch ein weiteres recht außergewöhnliches Stilmittel: ausführliche Beschreibung der Handlungsorte. Damit ist nicht nur der Fundort der Leichen gemeint, sondern auch die Beschreibung von Orten und Plätzen auf Hawaii, in Montreal und South Carolina, um jetzt mal bei den häufigsten zu bleiben. Manchen Lesern mag das langweilig erscheinen, ist in der Tat aber oftmals für die Handlung wichtig. Und wenn es gerade mal keinen inhaltlichen Bezug zu den Beschreibungen gibt, empfinde ich dieses Stilmittel als überraschend angenehm. Es ist nicht nur informativ sondern auch dichter als mit den handelnden Personen seitenlang durch diverse Betten zu turnen.

Was die handelnden Figuren angeht: Ich bin ein weiteres Mal angenehm überrascht, dass sich auch nach so vielen Jahren die Figuren noch den Raum nehmen, um sich weiter zu Entwickeln. Hierbei geht nicht um das stumpfe „Mann sieht Frau, Frau sieht Mann und beide erkennen, wie gut sie zueinander passen“. Es geht tiefer. Tempe und Ryan  haben eine gemeinsame Vergangenheit, sowohl privater als auch beruflicher Natur. Sie sind sich vertraut und doch fremd. Gerade Ryan, der während der letzten Bände erst die Möglichkeit erhält, sich um seine Tochter zu kümmern, Vater zu werden und zu sein, wird immer wieder damit konfrontiert, dass er nicht alles haben kann. Seine Reaktionen darauf sind durchweg menschlich, auch wenn man sie als Leser nicht unbedingt gutheißen kann oder sich diese Entwicklungen für den Verlauf des Geschehens wünscht.
Ebenso muss auch Tempe immer wieder Rückschläge einstecken. Wer ihre Geschichte durch die vergangenen Bände verfolgt hat, weiß, dass ihr Leben nicht dem einer Bilderbuch Heldin entspricht. Die Autorin scheut sich nicht, auf Kosten ihres Zugpferds zu handeln, Begebenheiten ins negative schlagen zu lassen, Tempe Schmerz und Erniedrigung durchleiden zu lassen. Doch diese Tiefschläge lassen Temperance erst zu dem werden, was sie ist. Eine sympathische Frau in mittleren Jahren, nicht übermäßig perfekt, nicht übermäßig beliebt, nicht extravagant in Erscheinung oder Benehmen. Und das macht den Platz frei für die Entwicklung der Persönlichkeiten in diesen Büchern.

Wie oben schon kurz erwähnt, strotz dieser Roman nicht vor unbeugsamer Spannung. Dennoch ist ein Spannungsbogen enthalten der mehr im Hintergrund läuft. Wer ist der Mann in dem Grab? Ist die Leiche aus dem See tatsächlich „Spider“? Was ist mit den anderen Männern, die in diesem Hubschrauber saßen, der 1968 in Vietnam abgeschossen wurde? Was ist da innerhalb der Familie des „Spider“ Lowry los? Und was ist mit Tempe und Ryan? Diese Fragen gemeinsam mit Tempe zu erörtern ist der Witz an diesem Buch. Und wer sich darauf einlassen kann, wird sich mehr als gut unterhalten fühlen.

Wenn dann noch Fragen offen sind, werden sie im Nachwort erklärt. Und für alle die, die die Erklärungen innerhalb der Handlung nicht verstanden haben, wird dort noch ein weiteres Mal erklärt, was das JPAC ist, wie es arbeitet und warum.
Und spätestens das Nachwort macht dann auch deutlich, wieso Kathy Reichs dieses Thema zu dem Fall dieses Buches gemacht hat. Tempe Brennan liegt das gleiche am Herzen, was auch Kathy Reichs bewegt: Die Suche nach der Wahrheit, das streben den Knochen und Überresten von Menschen, die durch Gewalt oder Unglück ums Leben gekommen sind Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und nicht zuletzt, den Angehörigen Gewissheit zu verschaffen. Ebenso wie die Menschen, die im JPAC ihre Arbeit tun.

Bis sie zu Hause sind.

Meine Bewertung

Vielen Dank an den Blessing Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.


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Letztes Update: 18. September 2011

Autor des Artikels

Vanessa Brinker
Rezensentin
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