Die Schlüsselträgerin – Simone Neumann
Verlag: Goldmann | Leseprobe
ISBN: 978-3-442-47291-8
Seiten: 480
Ausgabe: Taschenbuch
Preis: € 8,95
ET: 06.2010
Ein ergreifendes Frauenschicksal im frühen Mittelalter
Sachsen, 825: Gegen den Willen ihrer Familie ist Inga zur Frau des verfeindeten Rothger geworden. Als dieser eines Abends nach einem Saufgelage nicht nach Hause zurückkehrt, findet Inga ihn mit gebrochenem Genick im Wald. Kurz darauf kommt auch Rothgers schwangere Nebenfrau Uta ums Leben. Inga beschleicht ein ungutes Gefühl. Sie fürchtet, mithilfe heidnischer Rituale den Tod der beiden heraufbeschwört zu haben. In ihrer Sorge wendet sie sich an den strengen Mönch Bruder Agius. Schon bald wird deutlich, dass es zwischen Agius und Inga eine besondere Verbindung gibt …
Meine Rezension
Hatte ich noch am Anfang die Erwartung, einen der gängigen historischen Romane zu lesen, in der sich eine mutige Heldin munter durch das Mittelalter liebt, wurde schon nach wenigen Seiten klar, dass “Die Schlüsselträgerin” nicht in diese Schublade passt. Es ist nämlich kein Roman, bei dem es in erster Linie darum geht, wann die Heldin endlich nach vielen Liebesverwirrungen und entsprechenden -szenen ihren Geliebten in die Arme schließen darf, sondern eher ein sehr sorgfältig gezeichneter Einblick in das Leben der freien Sachsen im 9.Jahrhundert. Es hat nicht lange gedauert, bis der nüchterne und klare Schreibstil, mit dem die Autorin das Leben einer Sippe unter einem Dach beschreibt, mir das Gefühl gab, als hätte sich ein Fenster in das düstere frühe Mittelalter geöffnet. Die Lebensumstände scheinen für mich als geschichtlichen Laien sehr gut recherchiert zu sein und runden das sehr realistische Bild, das gänzlich ohne Klischees auskommt, ab.
Neben dem Miträtseln, wer und vor allem warum, ein Interesse daran hat, alle Mitglieder von Ingas angeheirateter Familie nach und nach aus dem Weg zu räumen, war es auch die Darstellung des gesellschaftlichen und vor allem religiösen Umbruchs nach den Sachsenkriegen Karls des Großen, die mich in den Bann gezogen haben. Die Mönche Agius und Melchior, die im Auftrag der Kirche die noch an den alten Göttern und Mythen festhaltenden Sachsen missionieren sollen, scheinen an dieser schier unlösbaren Aufgabe zu scheitern, denn die rätselhaften Todesfälle, mit denen sie es bei ihrem Versuch, bei den einzelnen Sippen Vertrauen zu erwecken, zu tun bekommen, erschweren ihr Vorhaben zusätzlich.
Der Hauptfocus der Geschichte liegt aber auf Inga, die nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes ihre Stellung als Herrin des Hauses verliert und nur noch als Arbeitskraft geduldet wird. Als sich die tödlichen Unfälle in ihrem direkten Umfeld häufen und sie als einzige für ein Motiv in Frage zu kommen scheint, ist sie gezwungen, sich den Mönchen anzuvertrauen. Das verwirrende Geflecht aus einem lange zurückliegenden Unrecht, aus Verrat, Hass, Gewalt und Rache lichtet sich nur langsam, denn die Hinweise werden von der Autorin sorgfältig erst nach und nach platziert. Das Rätselvergnügen hielt somit lange an und das Rangeln der Kirche um das Aufbauen von neuen Machtverhältnissen tat sein Übriges dazu, dass das Lesen ein wahres Vergnügen war.
Im Nachwort wird zudem aufgeklärt, welche Personen des Romans fiktiv sind und welche es tatsächlich gegeben hat. Gleiches gilt für die Handlungsorte rund um das heutige Höxter im Weserbergland.
Fazit
Ein wirklich rundum gelungener historischer Roman, der sich durch die vermittelte Realitätsnähe positiv von anderen Vertretern dieses Genres abhebt.
Meine Bewertung
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Vielen Dank an den Goldmann Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.
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