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Die Stumme – Chahdortt Djavann

Verlag: Goldmann | Leseprobe (.pdf)
ISBN: 978-3-442-31231-3
Seiten: 111
Ausgabe:
Hardcover
Preis:
€ 14,95
ET:
06.2010

Fatemeh ist fünfzehn Jahre alt. Sie sitzt in einem Iraner Gefängnis und wartet auf ihre Hinrichtung. Wie es dazu kam, vertraut sie einem Tagebuch an – damit niemand ihre geliebte Tante, „die Stumme“, und sie selbst vergessen wird.

Die Stumme war nicht von Geburt an stumm. Erst seit sie im Alter von zehn Jahren Zeugin wurde, wie ihr Vater ihre Mutter zu Tode prügelte, kam nie wieder ein Wort über ihre Lippen. Inzwischen ist aus dem kleinen Mädchen eine 29-jährige, attraktive Frau geworden, die nach ihren ganz eigenen Gesetzen lebt: Sie weigert sich, ein Kopftuch zu tragen, kleidet sich in den farbenprächtigsten Gewändern, läuft barfuß. Fatemeh ist fasziniert von dem Freiheitsdrang ihrer Tante, von ihrer Andersartigkeit. Doch in einer Welt, in der die Mullahs regieren, bleibt dies nicht unbestraft. Und als die Stumme sich dem Mann hingibt, den sie liebt, kommt es zur Katastrophe – zu einer Katastrophe, die auch Fatemehs Schicksal besiegeln wird …

Meine Rezension

Nachdem ich die Kurzbeschreibung gelesen hatte, befürchtete ich schon das Schlimmste: Eine Geschichte, die ausnahmslos grausam und emotional unglaublich heftig sein wird. Die Autorin hat jedoch einen Weg gefunden, das Schicksal Fatemehs und ihrer Tante so eindringlich und berührend zu erzählen, dass das Buch nachhallt und beschäftigt, aufrüttelt und schockiert, den Leser aber nicht in seiner Heftigkeit überfordert.

Mit knapp über hundert Seiten, einem recht großem Schriftbild und einem mehr als großzügigen Texteinzug, ist „Die Stumme“ in meinen Augen mehr Novelle als Roman, dadurch aber nicht weniger lesenswert. Durch den wirklich gelungenen Aufbau, entsteht für den Leser eine Atmosphäre der absoluten Realität und wer sich im Vorwege nicht ausgiebig mit dem Buch auseinandergesetzt hat, wird sich am Ende fragen, ist Fatemehs Schicksal nun Fiktion oder eine wahre Begebenheit? Ist das Tagebuch Fatemehs tatsächlich in die Hände einer Journalistin gelangt, die es an einen französischen Verlag weitergeleitet hat? Oder entspringt die Geschichte der Fantasie einer Autorin, die es geschafft hat, mit einem wirklich eindringlichen, bewegenden und authentisch wirkenden Tagebuch den Leser in eine Welt zu stoßen, die für den Westeuropäer des 21. Jahrhunderts überhaupt nicht vorstellbar und realisierbar ist?

Sprachlich und literarisch sticht „Die Stumme“ nicht sonderlich heraus. Die Sprache ist schlicht, einer fünfzehnjährigen Erzählerin angemessen, dabei aber schonungslos ehrlich und brutal. Fatemeh schont den Leser nicht, hält nichts zurück, gibt auch ihre abgründigsten Gedanken preis. Sie will in Frieden sterben, ohne Hass in sich und erhofft sich durch ihre Aufzeichnungen ein Stück Freiheit ihrer Seele. Man wünscht ihr unwillkürlich, dass es ihr gelingen möge. Auch wenn eine gewisse literarische Besonderheit fehlt, inhaltlich sticht das Buch deutlich hervor. Fatemeh beschreibt Ereignisse, Lebensumstände, Gebräuche und Sitten in ihrem Leben als iranische Muslimin, die mittelalterlich und barbarisch anmuten und den Leser irritieren, erschrecken und aufrütteln. Kann das, was Fatemeh und ihrer Tante widerfahren ist, heutzutage wirklich noch geschehen? Das Bild einer modernen, aufgeklärten, emanzipierten Welt gerät plötzlich ins Wanken. Der Leser sieht sich mit einer Welt konfrontiert, die für ihn unvorstellbar ist, die er weit von sich geschoben hat, weil er es nicht wahrhaben will, dass Schlagzeilen über Ehrenmorde in der Tagespresse mehr sind als gelegentliche Auswüchse von Fanatikern. In Fatemehs Welt sind Verhaftungen, Folter und Hinrichtungen an der Tagesordnung und ohnmächtig muss sie zusehen, wie das Regime seine Finger nach ihrer Familie ausstreckt. Nüchtern, fast schon emotionslos, erzählt sie aus den letzten Jahren ihres Lebens, während sie auf ihre eigene Hinrichtung wartet.

Die Figuren sind zum Großteil wenig ausgearbeitet. Einzig Fatemeh und „die Stumme“ zeigen verschiedene Facetten ihres Charakters, wirken lebendig und greifbar. Die übrigen Figuren bleiben farblos, sind undeutliche Schemen und treten in den Hintergrund und überlassen es Fatemeh, die Geschichte zu tragen. Nicht nur die Charaktere sind aufs Minimum reduziert, auch mit ausschweifenden Beschreibungen hält sich die Autorin zurück, so dass „Die Stumme“ äußerst minimalistisch wirkt. Dafür ist aber die Botschaft der Geschichte nicht zu überlesen und tritt mit ungeheurer Deutlichkeit hervor.

Insgesamt hat mir die Novelle wirklich gut gefallen, allerdings hätte ich mir von der Autorin gewünscht, dass sie in einem ausführlichen Nachwort auf die Handlung eingeht, den Westeuropäer nicht allein mit einer Geschichte lässt, die für ihn schwer zuzuordnen und vor allem zu begreifen ist. Ein Anhang über Kultur, Religion und Regime im Iran hätte mir geholfen, das Buch in einen größeren Kontext einzuordnen.

Meine Bewertung

3,5 von 5 Büchern

Vielen Dank an den Goldmann Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.


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Letztes Update: 18. September 2011

Autor des Artikels

Melanie Vogelsang
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