Viola Alvarez im Interview
Herzlichen Dank, Viola, dass Du Dir die Zeit nimmst und der Buchcouch ein paar neugierige Fragen beantwortest.
Buchcouch: Gerade ist Dein neuester Roman, der zweite Teil der „Himmel aus Bronze“-Trilogie, „Das Auge des Himmels“ erschienen. Ist das Erscheinen eines neuen Buches für Dich noch genauso aufregend wie beim ersten Mal, als „“Das Herz des Königs“ veröffentlicht wurde?
Viola Alvarez: Ich glaube, dass nichts so aufregend ist wie das erste Buch. Das zweite oder ein weiteres Buch kann vielleicht „besser“ sein, vielleicht auch klarer oder befriedigender, aber das erste ist – in meinem Fall – die Erfüllung eines Traums gewesen.
Buchcouch: In „Das Auge des Himmels“ erzählst Du die Geschichte von Hayso aus dem ersten Teil, „Die Steine des Gorr“, nahtlos weiter. Im Herbst 2010 wird die Trilogie mit „Die Sonnenstadt“ abgeschlossen sein. Von vornherein war diese Geschichte als Trilogie angelegt und entwickelte sich nicht erst wie bei vielen anderen Reihen. Wie bist Du auf die Idee dazu gekommen? Was war der Antrieb, die Motivation eine Trilogie zu schreiben?
Viola Alvarez: Es war mir ziemlich klar, dass die Bronzezeit in ihrer inneren und äußeren Fremdheit sehr viel Handlung brauchen würde, um sich auch nur bruchstückhaft vor uns zeigen zu können. Vielfach ist mir in Diskussionen zum Buch tatsächlich bezüglich der damaligen Glaubenswelt der Begriff „Aberglaube“ begegnet. Das zeigt schon, wie schwer es fällt, unserer eigenen Vergangenheit unvoreingenommen zu begegnen. Die naïv-abwertende Rezeption der Welt unserer Vorfahren, wie ich sie von vielen LeserInnen gespiegelt bekommen habe, hat mich ehrlich gesagt schockiert. Die animistische Weltordnung und spirituelle Kommunikation, die damals omnipräsent gewesen sein mögen, erschließen sich heute nicht im Vorbeigehen. Von der täglichen Härte des Lebens ganz abgesehen. Außerdem wollte ich eine Geschichte der Übergangsriten und des Reifens erzählen. Auch das braucht Zeit. Mich hat die Idee sehr gereizt, zumal ich in den vorhergehenden Büchern immer auch literarische Mythenadaptionen bearbeitet habe. Die sind naturgegeben etwas anders strukturiert. Der Antrieb war letzten Endes wie immer, dass ich es so, in drei Teilen, für eine gute und realistische Geschichte hielt.
Buchcouch: Beim Lesen der beiden Teile der „Himmel aus Bronze“-Trilogie habe ich mich immer gefragt, wo die Handlung angesiedelt ist, sowohl geographisch als auch zeitlich. Aber auch, woher die für uns ungewohnten Begriffe, Rituale und Namen stammen. Kannst Du uns dazu etwas verraten? Ist alles reine Fiktion?
Viola Alvarez: Ja und nein, natürlich ist alles, was nicht archäologisch verbürgt ist, reine Fiktion. Es gibt auch keine sprachlichen Rudimente der Bronzezeit. Ich habe mir aus altgermanischen, altgotischen und altnordischen Fragmenten Namen konstruiert. Geographisch beginnen wir im Teutoburger Wald, dann hoch nach Haitabu, von dort natürlich zum Mittelberg, wo die Scheibe ja auch wirklich verwendet wurde. Zeitlich (kulturell) zwischen 2000 und 1500 vor der Zeitrechnung in einer quasi kondensierten Form. Die Rituale sind entweder ethnographisch abgeleitet oder aus Funden (dies allerdings europaweit) rekonstruiert.
Buchcouch: Anders als bei Romanen, die z.B. im 18. Jahrhundert angesiedelt sind, lassen sich für die „Himmel aus Bronze“-Trilogie kaum Originalschauplätze aufsuchen oder Originaldokumente lesen. Wie hast Du für die Trilogie recherchiert?
Viola Alvarez: Ich habe ethnographisch gearbeitet, Museen besucht, Fundorte, Ausgrabungsstätten und natürlich Fachliteratur gelesen.
Buchcouch: Gibt es eine Figur in „Der Himmel aus Bronze“, die Dir am meisten ans Herz gewachsen ist? Und welche hat Dir beim Schreiben die größten Schwierigkeiten gemacht?
Viola Alvarez: Socho Pakté, Omnaktar und Meygos sind meine Lieblinge. Schwierig ist die Wema gewesen, aus verschiedenen Gründen, die auszuführen hier zu weit führen würde.
Buchcouch: Vor der Trilogie hast Du drei Romane geschrieben, die sich entweder mit Sagen auseinandergesetzt haben, oder eine historische Persönlichkeit im Mittelpunkt hatten. Wird es nach Abschluss der Trilogie wieder einen Roman geben, der sich mit einer Sage beschäftigt?
Viola Alvarez: Nein. Ich werde dem historischen Roman den Rücken kehren. Dies übrigens sehr gerne und leichten Herzens. Im Moment gibt es da nichts, was mich noch besonders reizen würde zu schreiben. Ich werde mich in die Gegenwart vorarbeiten.
Buchcouch: Kannst Du uns verraten, welches Deiner Bücher Dir am meisten am Herz liegt? Welches hat Dich am meisten gequält, berührt und beschäftigt?
Viola Alvarez: Ich liebe und verfluche sie alle. Die Trilogie war sicher am schwersten zu schreiben, weil unsere Kinder gerade geboren waren und kontinuierliche Arbeitsleistung damals eher ein frommer Wunsch als realisierbar gewesen ist.
Buchcouch: Du hast auch schon für das Theater Stücke geschrieben. Hast Du Pläne, dahingehend weiter zu arbeiten?
Viola Alvarez: Ich habe im letzten Jahr zwei meiner Stücke auf die Bühne gebracht: „Liebeserklärungen“ und die „Therapiste“. Mein neues Stück „Mahlzeit“ ist fast fertig. Ich werde immer weiter in dieser Hinsicht arbeiten.
Buchcouch: Mein Eindruck ist, dass Psychologie und Philosophie in all Deinen Romanen einen hohen Stellenwert einnehmen. Deine Figuren sind in ihren Charaktereigenschaften bis ins Kleinste psychologisch begründet und verlieren sich gerne in philosophischen Betrachtungen. Beides begeistert mich jedes Mal aufs Neue. Betrachtest Du Dich selbst als Hobby-Psychologin und -Philosophin?
Viola Alvarez: Psychologie finde ich als Hobby gefährlich. Philosophie als Hobby kann einen schnell wunderlich machen. Zweimal nein also. Ich glaube, dass man von Menschen in Extremsituationen sehr viel erfährt und dass sie auch einen direkten Erklärungs- und Verarbeitungsbedarf haben. Daher der Schwerpunkt in den Romanen.
Buchcouch: Gibt es schon Ideen zu anderen Themen, über die Du gerne schreiben möchtest?
Viola Alvarez: Ja, aber dazu möchte ich noch nichts sagen. Gegenwart, habe ich schon verraten.
Natürlich wüssten wir gerne, wie bei Dir ein Roman entsteht.
Buchcouch: Schreibst Du chronologisch oder wie Dir die Szenen in den Sinn kommen?
Viola Alvarez: Ich schreibe stringent, Seite 1, Satz 1 bis Seite Ende, letzter Satz.
Buchcouch: Hast Du bestimmte Schreib-Rituale?
Viola Alvarez: Earl Grey Tee, ein Apfel und Musik, wenn es irgendwie klappt. Manchmal klappt bloß eins.
Buchcouch: Was machst Du mit Deinem Recherchematerial nach Abschluss eines Romans?
Viola Alvarez: Verschenken, Entsorgen, bloß weg damit. Irgendwann reicht es mir.
Buchcouch: Die Frage hast Du sicherlich schon hundertmal gehört, aber auch wir möchten gerne wissen: Wie bist Du zum Schreiben gekommen?
Viola Alvarez: Ich habe immer schon geschrieben. Es dauerte nur ein paar Jahre, bis ich die innere Reife und Geduld hatte, aus ein paar literarischen Skizzen einen Roman zu machen. Dann den klassischen Weg jenseits aller Mythenbildung: Manuskript an Agentur, Agentur schickt Manuskript an Verlag, Verlag sagt ja – hurra. Wer schreiben will, muss den ersten Roman ohne Hilfe oder Versprechen von außen hinkriegen.
Buchcouch: Kannst Du diesen Satz für uns vervollständigen: “Schreiben ist für mich…”
Viola Alvarez: …lebensnotwendig. Und Glück.
Und nun noch ein kleines Spiel, bei dem es darum geht, was Du von den zwei Begriffen bevorzugst…
Buchcouch: Sonne oder Mond?
Viola Alvarez: Sonne
Buchcouch: Meer oder Berge?
Viola Alvarez: Meer
Buchcouch: Sommer oder Winter?
Viola Alvarez: Winter
Buchcouch: Ebook oder Buch?
Viola Alvarez: Buch. Ist das jetzt ein Psychogramm? Wie bei Blöhmeiers in der Paartherapie?
Nochmals vielen Dank für das schöne und aufschlussreiche Interview, und wir wünschen Dir weiterhin viel Erfolg auf Deinem Weg als Autorin.
Weiterführende Links
Verlag: Ehrenwirth
ISBN: 978-3-431-03796-8
Seiten: 476
Ausgabe: Hardcover
ET: 11.2009
Preis: € 19,99
Buchcouch-Rezension zu “Die Steine des Gorr”
Viola Alvarez auf der Buchcouch
Verwandte Artikel:
- Interview mit Oliver Becker
- Sebastian Thiel im Interview
- Lea Korte im Interview
- Constanze Wilken im Interview
- Bettina Hennig im Interview









