Interview mit Oliver Becker
Herzlichen Dank, Herr Becker, dass Sie sich die Zeit nehmen und der Buchcouch ein paar neugierige Fragen beantworten.
Buchcouch: Im Juli 2010 ist Ihr Debütroman „Das Geheimnis der Krähentochter “ beim Gmeiner Verlag erschienen. Wie war es für Sie, Ihr eigenes Buch zum ersten Mal in den Händen zu halten?
Oliver Becker: In etwa so wie vor 2 Jahren, als ich auf dem Gipfel eines Viertausenders in den Rocky Mountains stand. Ich habe tief durchgeatmet und einfach nur die Aussicht genossen.
Buchcouch: Wie lange hat die Arbeit an dem Roman von der Idee bis zur Fertigstellung gedauert?
Oliver Becker: Offen gesagt, hatte ich bei der „Krähentochter“ gar keine Grundidee. Ich habe mich in Gedanken einfach in der Epoche herumgetrieben, und auf einmal hat sie mich nicht mehr losgelassen. Und dann stand auch schon diese Magd neben mir, aus der die „Krähentochter“ wurde, und hinter ihr tauchten Söldner, Gaukler und der mysteriöse Reiter in Schwarz auf. Von da an gab’s kein Zurück mehr. Und nach eineinhalb Jahren, schätze ich mal, war der Roman fertig.
Buchcouch: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Roman zu schreiben, der während des Dreißigjährigen Krieges spielt? Zufall oder eher eine bewusste Entscheidung?
Oliver Becker: Von beidem etwas, würde ich sagen. Der Dreißigjährige Krieg beschäftigt mich, seit ich das erste Mal etwas über ihn erfahren habe. Er muss so grausam und unvorstellbar und übermächtig für die Menschen der damaligen Zeit gewesen sein. Gerade weil es so schwer ist, diese unglaubliche Zeit fassbar zu machen, reizt sie mich als Geschichtenerzähler. Aber es war nie mein ausdrückliches Ziel, einen Roman aus dieser und nur aus dieser Zeit zu verfassen.
Buchcouch: Gibt es eine Figur in Ihren Büchern, die Ihnen besonders am Herzen liegt? Oder eine, die Ihnen besondere Schwierigkeiten bereitete?
Oliver Becker: Das Komische ist, dass es oft Nebenfiguren sind, die mir ans Herz wachsen. Wie etwa der Feldarzt Melchert Poppel in der „Krähentochter“. Gute Nebenfiguren wirken wie Klebstoff: Sie halten eine Geschichte erst so richtig zusammen. Bei der „Kleinstadtghetto Ballade“ ist es verrückterweise ein Tier, das mir besonders in Erinnerung bleibt. Der Hund Tarak. Wie er immer gegen diesen Zaun anrennt und darum kämpft, darüber hinwegzuspringen. Auf den ersten Blick ist das für den Roman natürlich gar nicht so wichtig. Aber eben nur auf den ersten Blick. Und Schwierigkeiten bereiten einem alle Figuren – früher oder später. Bis auf Tarak natürlich.
Buchcouch: Hatten Sie beim Schreiben einen besonderen Moment? Einen, den Sie so schnell nicht vergessen?
Oliver Becker: Bei „Kleinstadtghetto Ballade“ auf jeden Fall: Als ich den letzten Satz schrieb. Er ist nämlich identisch mit dem ersten Satz des Romans. Das ist nur ein Detail, aber solche Kleinigkeiten tragen dazu bei, dass eine Geschichte einen eigenen Charakter erhält.
Buchcouch: Wie gehen Sie bei Ihrer Recherche vor? Besuchen Sie die Originalschauplätze? Und wie lange haben die Recherchen zu „Das Geheimnis der Krähentochter“ gedauert?
Oliver Becker: Gar nicht so leicht zu sagen. Ich habe auch während des Schreibens immer weiter recherchiert. Ich stamme aus dem Schwarzwald, wo die „Krähentochter“ spielt. Das hilft natürlich bei der Umsetzung. Aber hingehen und die Atmosphäre eines Ortes riechen und hautnah erleben, ist einfach immer wichtig. Ebenso wie lesen, lesen, lesen. Für die „Krähentochter“ habe ich besonders viele Originalquellen gelesen, in denen einfach nur das alltägliche Leben dieser Zeit geschildert wird.
Buchcouch: Mit „Kleinstadtghetto Ballade“ ist jetzt im Oktober Ihr aktueller Roman erschienen, der nicht historisch ist. Wie kam es, dass Sie zwei so unterschiedliche Bücher geschrieben haben?
Oliver Becker: Das ist für mich der größte Reiz überhaupt. Als Leser will ich auch nicht immer nur ein Genre haben, sondern suche die Abwechslung. So geht’s mir auch als Schreiber. Man kann sich ja kaum gegensätzlichere Bücher als „Das Geheimnis der Krähentochter“ und „Kleinstadtghetto Ballade“ vorstellen, und genau deshalb hat es mir so viel Spaß gemacht, die beiden zu schreiben.
Buchcouch: In „Kleinstadtghetto Ballade“ geht es, grob gesagt, um einen Jugendlichen und seine Lehrerin – wie kamen Sie gerade auf dieses Thema?
Oliver Becker: Richtig, einerseits ist es die Beschreibung einer „unmöglichen Liebe“, einer „amour fou“. Aber es steckt noch viel mehr drin. Für mich war das Milieu wichtig. Es gibt ja unendlich viele Romane und Geschichten, aber extrem wenige, die sich so direkt und schnörkellos mit dem äußersten Rand unserer Gesellschaft beschäftigen. Und genau da wollte ich mit dieser Geschichte hin. Das sollte alles andere werden als ein Schön-Wetter-Roman, um es mal so zu sagen.
Buchcouch: Gibt es ein Thema, das Sie brennend interessiert und über das Sie gerne schreiben möchten?
Oliver Becker: Es gibt eigentlich nie etwas, über das ich unbedingt schreiben möchte. Aber plötzlich steckt man dann mittendrin …
Buchcouch: Arbeiten Sie aktuell schon an einem neuen Roman? Und wenn ja, können Sie schon ein wenig darüber verraten?
Oliver Becker: Nur so viel: Ich treibe mich schon wieder im 17. Jahrhundert herum. Es könnte ja sein, dass die „Krähentochter“ noch so einiges aus ihrem Leben zu erzählen hat.
Buchcouch: Haben Sie ein literarisches Vorbild?
Oliver Becker: Nein. Ich glaube einfach, dass man von dem, was einem gefällt, unbewusst immer etwas aufnimmt. Und manchmal auch von dem, was einem nicht gefällt.
Buchcouch: Gibt es eine Epoche, in die Sie gerne mal reisen würden?
Oliver Becker: Nachdem ich nun so viel über den Dreißigjährigen Krieg erfahren habe: auf keinen Fall in die Epoche des Dreißigjährigen Krieges.
Natürlich wüssten wir gerne, wie bei Ihnen ein Roman entsteht
Buchcouch: Haben Sie bestimmte Rituale beim Schreiben?
Oliver Becker: Einfach loslegen. Das ist – sozusagen – mein einziges Ritual.
Buchcouch: Schreiben Sie chronologisch oder wie Ihnen die Ideen gerade kommen?
Oliver Becker: Einerseits chronologisch, andererseits springe ich dabei aber ständig auch nach vorne. Zu bestimmten Punkten, an die ich in der Geschichte noch kommen werde. Und dann springe ich wieder zurück, um etwas zu verändern, und immer so weiter. Ich hab immer einen unglaublichen Wust von Notizzetteln und Schreibblöcken auf meinem Schreibtisch liegen.
Buchcouch: Diese Frage hören Sie sicherlich öfter, aber auch wir würden gerne wissen, wie Sie zum Schreiben gekommen sind.
Oliver Becker: Ich glaube, es kam eher zu mir. Irgendwann packt es dich, und du hörst dann nicht mehr damit auf.
Buchcouch: Können Sie für uns diesen Satz vervollständigen: “Schreiben ist für mich…”
Oliver Becker: …nicht das Wichtigste im Leben. Aber wohl auch nicht mehr das Unwichtigste.
Buchcouch: Können Sie sich noch an ihr allererstes Buch erinnern?
Oliver Becker: Ja, leider. Und jetzt bitte nicht lachen: „Zähl bis drei und bete, Lassiter.“ Ein Wildwest-Groschenroman. Solche Dinger habe ich als Kind verschlungen. Während andere „Die 3 Fragezeichen“ und „Geschichten vom Ponyhof“ gelesen haben.
Buchcouch: Was ist Ihr Lieblingsbuch? Und warum?
Oliver Becker: „Als ich im Sterben lag“ von William Faulkner. Nur 160 Seiten. Aber der ganze Wahnsinn des Lebens steckt in diesem schmalen Ding.
Buchcouch: Was ist Ihr aktueller persönlicher Lesetipp?
Oliver Becker: „Die Ballade vom Whiskeyräuber“. Das ist kein Roman, sondern die verrückte Lebensbeschreibung eines unglaublich untalentierten Eishockeytorwarts, der zu Ungarns berühmtestem und liebenswertestem Bankräuber wurde.
Buchcouch: Haben Sie Ihren Namen schon mal gegoogelt?
Oliver Becker: Nein. Und das ist nicht gelogen.
Buchcouch: Drei Dinge, ohne die Sie verloren wären?
Oliver Becker: Das „White Album“ der Beatles, Nuss&Crisp-Aldi-Schokolade und der Boden unter den Füßen.
Buchcouch: Haben Sie ein Lebensmotto?
Oliver Becker: Ja: Vermeide es, ein Lebensmotto zu haben.
Oder nein, eines habe ich doch: Der Tag geht, Johnnie Walker kommt. Okay, das ist kein Motto, aber ich bin wohl einfach nicht der Motto-Typ.
Nochmals vielen Dank für das schöne Interview. Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg auf Ihrem Weg als Autor.
Weiterführende Links
Verlag: Plöttner Verlag | Leseprobe (.pdf)
ISBN: 978-3862110049
Seiten: 170
Ausgabe: Taschenbuch
Preis: € 13,90
ET: 10.2010
Rezension zu “Das Geheimnis der Krähentochter” auf der Buchcouch
Rezension zu “Kleinstadtghetto Ballade” auf der Buchcouch
Verwandte Artikel:
- Sebastian Thiel im Interview
- Lea Korte im Interview
- Viola Alvarez im Interview
- Constanze Wilken im Interview
- Bettina Hennig im Interview









