Constanze Wilken im Interview
Herzlichen Dank, Constanze, dass Du Dir die Zeit nimmst und der Buchcouch ein paar neugierige Fragen beantwortest.
Buchcouch: Dieses Jahr ist nach „Die Tochter der Tuchhändlers“ mit „Die Malerin von Fontainebleau“ Dein zweiter historischer Roman erschienen. Beide Romane sind im 16. Jahrhundert angesiedelt. Warum hast Du Dich gerade für dieses Jahrhundert entschieden?
Constanze Wilken: Schon während meines Studiums hatte ich eine besondere Vorliebe für die Kunst der Renaissance, die sich durch wiederholte Italienaufenthalte vertieft hat. Lucca ist eine der schönsten und magischsten Städte, die ich gesehen habe. Als ich dort durch die Gassen streifte, konnte ich mir lebhaft vorstellen, wie Beatrice Rimortelli vom Stoffkontor des Vaters zum Haus des ungeliebten Gatten läuft, wie sich der Ältestenrat der Stadt im Palazzo der Mansi versammelt oder der Turmwächter vom Palazzo Guinigi herunterruft.
Neben einigen der großartigsten Künstler, wie Giotto, Masaccio, Ghirlandaio, Botticelli, Michelangelo, um nur wenige zu nennen, hat die Renaissance Licht in das Dunkel des Mittelalters gebracht und fasziniert mit der Wiederentdeckung der Antike. Endlich kann sich das Individuum von den Fesseln der Dogmen befreien, das Bürgertum steigt auf und die Reformation verändert den Gang der Geschichte. Eine politisch, gesellschaftlich und kulturell atemlos machende Zeit – die unendlich viel Romanstoff bietet!
Buchcouch: Hast Du eine Lieblingsfigur in Deinem Roman „Die Malerin von Fontainebleau“?
Constanze Wilken: Natürlich war mir Luisa besonders nah und gleich danach kam Rosso Fiorentino.
Buchcouch: Warum ausgerechnet Rosso Fiorentino?
Constanze Wilken: Rosso war ein faszinierender Künstlerfürst, ein kontroverser Denker, ein attraktiver und zugleich liebenswerter und von seinen Mitarbeitern geschätzter Mann – was nicht alltäglich war. Dieser Künstler hatte geniale Ideen, die er im Rahmen dessen, was sein königlicher Gönner Franz erlaubte, verwirklichen konnte und zerbrach an seinem eigenen hohen moralischen Anspruch und den Hofintrigen – eine tragische Gestalt. Ich hätte ihn gern kennengelernt!
Buchcouch: Hast Du während Deiner Recherche für „Die Malerin von Fontainebleau“ die Originalschauplätze aufgesucht?
Constanze Wilken: Soweit das möglich ist, besuche ich die historischen Schauplätze meiner Romane. Fontainebleau liegt nur 50km südlich von Paris und ist damit gut zu erreichen.
Buchcouch: Was hat Dich am meisten beeindruckt?
Constanze Wilken: Im Schloss von Fontainebleau in der Galerie des Rosso zu stehen war ein unbeschreiblicher Moment.
Buchcouch: Was war Dein schönster Recherche-Moment (auf alle Romane bezogen)?
Constanze Wilken: Für „Die vergessene Sonate“ bin ich in die Tschechei gereist. Ich stand an einem kalten Dezembernachmittag allein auf dem jüdischen Friedhof in Prag und auf einmal fing es an zu schneien. Die Flocken legten sich lautlos auf die alten Grabsteine und die Geräusche der Stadt erstarben. Plötzlich knarrte das Eingangstor und Schritte kamen näher, hielten inne und dann war es ganz still. Ein verwunschener Augenblick.
Ein unvergessliches Erlebnis war auch ein Besuch im Museo Civico in Volterra, wo ich zum ersten Mal Rossos „Kreuzabnahme“ gesehen habe. Das Gemälde hängt in einem dieser schlicht-eindrucksvollen Räume eines Palazzo, indirekt angestrahlt und bannt den Betrachter durch seine gewaltige Farbenpracht und die emotional berührenden Leidenden vor dem gekreuzigten Christus.
Buchcouch: Bevor Du Dich dem historischen Roman zugewendet hast, hast Du Unterhaltungsromane geschrieben. Hast Du Dich nun gänzlich von diesem Genre verabschiedet oder wirst Du zukünftig sowohl historische Romane als auch Belletristik schreiben?
Constanze Wilken: Ich denke, das eine wird das andere nicht ausschließen, schaun wir mal…
Buchcouch: Wo liegt die größere Herausforderung: beim historischen Roman oder in der Unterhaltungsliteratur?
Constanze Wilken: Beide Genres haben ihre Herausforderungen und sind auf ganz spezielle Art anspruchsvoll. Der historische Roman fordert eine gründliche Recherche und das Entwickeln eines Gespürs für die Epoche, in der man sich bewegt. Ich finde die Anfangsphase, in der ich den Plot entwickle und das Leben von fiktiven und historischen Figuren miteinander verknüpfe, immer besonders spannend. Eine große Herausforderung bei der Umsetzung eines historischen Stoffes ist es, den Leser zu unterhalten und nicht mit Historischem zu überfrachten oder zu langweilen. Im Vorfeld liest man sich durch Berge von Sekundärliteratur und muss dann ganz rigoros selektieren, was einfließen darf und was nicht.
Buchcouch: Du lebst an der Nordseeküste. Hast Du schon darüber nachgedacht, einen Roman über eben diese Region zu schreiben?
Constanze Wilken: Wenn mir ein spannendes Thema begegnet, würde ich auch einen Roman hier an der Küste ansiedeln – bisher bin ich noch nicht fündig geworden.
Natürlich wüssten wir gerne, wie bei Dir ein Roman entsteht.
Buchcouch: Schreibst Du chronologisch oder wie Dir die Szenen in den Sinn kommen?
Constanze Wilken: Eher chronologisch obwohl während des Schreibens viel passieren kann.
Buchcouch: Hast Du bestimmte Rituale beim Schreiben?
Constanze Wilken: Unter anderem höre ich beim Schreiben Musik der Zeit.
Buchcouch: Die Frage hast Du sicherlich schon hundertmal gehört, aber auch wir möchten gerne wissen: Wie bist Du zum Schreiben gekommen?
Constanze Wilken: Während meiner Promotion habe ich einige Jahre in Wales gelebt und Land und Leute, Schafe gibt es auch ziemlich viele, kennen und schätzen gelernt. Aberystwyth ist ein charmantes Küstenstädtchen mit dem Flair einer Sommerfrische um die Jahrhundertwende und interessanten, witzigen und skurrilen Bewohnern. Hier entstand die Idee zu meinem ersten Roman „Die Frau aus Martinique“.
Buchcouch: Hast Du ein Vorbild bzw. einen Lieblingsautor?
Constanze Wilken: Lieblingsautoren – Thomas Mann, Isabell Allende, Jane Austen, Dacia Maraini, John Maddox Roberts, u.a.
Buchcouch: Kannst Du diesen Satz für uns vervollständigen: “Schreiben ist für mich…
Constanze Wilken: …wie das Leben durch Worte zu atmen.
Und nun noch ein kleines Spiel, bei dem es darum geht, was Du von den zwei Begriffen bevorzugst…
Buchcouch: Sonne oder Mond?
Constanze Wilken: Sonne
Buchcouch: Turnschuhe oder Highheels?
Constanze Wilken: Turnschuhe
Buchcouch: Süß oder salzig?
Constanze Wilken: süß
Buchcouch: Sommer oder Winter?
Constanze Wilken: Sommer
Buchcouch: Kannst Du uns abschließend noch verraten, woran Du derzeit arbeitest?
Constanze Wilken: An einem Historienroman, in dessen Mittelpunkt ein geheimnisvoller Prunktisch der Münchner Residenz steht. Zeitlich bewege ich mich im frühen siebzehnten Jahrhundert. Ein Alchemist und eine neugierige junge Witwe stehen im Mittelpunkt. Mehr kann ich noch nicht verraten…
Nochmals vielen Dank für das schöne Interview und wir wünschen Dir weiterhin viel Erfolg auf Deinem Weg als Autorin.
Weiterführende Links
Verlag: Goldmann
ISBN: 978-3-442-46686-3
Seiten: 704
Ausgabe: Taschenbuch
ET: 08.2009
Preis: € 9,95
Autoren-Leserunde zu “Die Malerin von Fontainebleau” ab 15.01.2010
Constanze Wilken auf der Buchcouch
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