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Misfit – Vincent Overeem

Verlag: Berlin
ISBN: 978-3-8270-0887-9
Seiten: 236
Ausgabe: Hardcover
Preis: € 19,90
ET: 02.2010

Seit Wochen liegt brütende Hitze über der Stadt. Die Menschen sind träge, das Leben verläuft wie in Zeitlupe, und Kaat, die schöne Freundin des Ich-Erzählers, lungert nur noch, kaum verhüllt, auf dem Bett herum. Mit ihm schlafen will sie nicht mehr. Obwohl sie doch zuletzt nichts anderes im Kopf hatte. Nun stöhnt sie über die Hitze. Und vom Haus gegenüber spähen die Dachdecker ins Zimmer.
Kaat. Die schöne Kaat mit den feurigen Augen. Sie ist ihm ein Rätsel. Und je schärfer er sie beobachtet, desto undurchschaubarer wird sie. Hat Kaat eine Affäre mit Stadig, seinem gutaussehenden Vermieter, den sie doch angeblich nicht ausstehen kann? Und warum lehnt sie es ab, Fotos von seinem Bruder Krijn anzusehen? Während das Misstrauen des Erzählers wächst, beginnt man sich zu fragen, ob nicht auch er etwas verbirgt.

Meine Rezension

In “Misfit” geht es um den Ich-Erzähler und seiner Freundin Kaat. Es ist zu heiß und nirgendwo eine Abkühlung in Sicht. Und so verhalten sich auch die Charaktere, vorallem Kaat. Während er etwas unternehmen will und keine Lust mehr hat, nur in dem Zimmer zu hocken, blockt sie ab und er gehorcht. Während die beiden Protagonisten nicht handeln, denkt er vor allem an Sex, etc. oder aber über seine Familie nach…

Die Geschichte braucht sehr lange bis sie in Fahrt kommt und dann ist das Buch eigentlich auch schon zu Ende. Der Inhalt klingt eigentlich ganz nach meinem Geschmack, doch die Ausführung hat mir gar nicht gefallen. Zwei Protagonisten, die nichts machen außer Rumsitzen. Zwar waren seine Gedanken über seine Familie, über seine Vergangenheit sehr interessant, vor allem was seinen Bruder betraf, aber irgendwie habe ich mir mehr erwartet. Ich habe die ganze Zeit gewartet, dass noch etwas passiert, was so aber nicht der Fall war.

Die beiden Hauptcharaktere, der Ich-Erzähler und seine Freundin Kaat, haben mir beide nicht gefallen. Normalerweise finde ich Charaktere mit Ecken und Kanten toll, die nicht stereotyp sind, sondern sich aus der Masse herausheben. Doch hier hat es der Autor etwas übertrieben.
Kaat, die wunderschöne Kaat mit tollen Brüsten, der jeder Kerl hinterherstarrt und der Ich-Erzähler nicht weiß, wieso sie ihn genommen hat. Ein furchtbarer Charakter, zu sehr ich-bezogen, unnahbar und man kann sich nicht mit ihr identifizieren. Ganz im Gegenteil. Man verflucht sie und hofft, dass sie endlich verschwindet.
Der Protagonist selbst erscheint passiv und ihr sehr hörig. Von einer großen Liebe, die zwischen den beiden herrschen soll, habe ich nichts bemerkt, ebenso hätten sie auch einfach nur eine Affäre sein können. Oder aber diese große Liebe besteht nur aus Blödsinn machen und Sex. Gefühle gab es hier keine, nichtmal ein “Ich liebe dich” hat Kaat über die Lippen bringen können.
Bei ihm konnte man schon eher vermuten, dass er sie wirklich liebt – doch spiegelte sich diese Liebe dann doch in einer Abhängigkeit wider.

Die Sprache hat mir insgesamt ganz gut gefallen. Sie vermittelt eine sehr drückende Atmosphäre, durch die man die Hitze als Leser fast schon selbst spüren kann. Dennoch fand ich es ab und zu etwas zu ordinär und ich hätte mir eine etwas mildere Wortwahl gewünscht.

Der Inhalt von “Misfit” klingt zwar interessant und vielversprechend, jedoch konnte mich dieses Buch nicht überzeugen. Die Charaktere sind zu überzogen, wirken unecht und ich war froh, als die 200 Seiten endlich vorbei waren. Eine kurze Geschichte, die zwar unterhält, aber nach kurzer Zeit wieder aus dem Kopf verschwindet.

Vielen Dank dem Berlin Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Meine Bewertung

2,5 von 5 Büchern


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Das genähte Herz – Carole Martinez

Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-05200-9
Seiten:
430
Ausgabe:
Gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag
Preis:
€ 22, 95
ET:
02.2009

Als die junge Frasquita das Nähkästchen erhält, das in ihrer Familie seit jeher von der Mutter an die Tochter vererbt wird, gelangt sie zugleich in den Besitz einer besonderen Gabe, die an Zauberei grenzt. Mit den leuchtenden Garnen näht sie wunderbare Dinge und macht Frauen zu Prinzessinnen. Sie bestickt Kleider, auf denen die Magie der Farben Blumen erblühen lässt. Doch die Menschen in dem abgeschiedenen andalusischen Dorf stecken voller Misstrauen und Neid, was Frasquita bei ihrer Hochzeit mit dem wortkargen Schmied José nur allzu sehr zu spüren bekommt. Es folgen stille, einsame Jahre, bis Frasquita irgendwann erkennt, dass sie der Enge ihres Dorfes entfliehen muss. Und so setzt sie eines Tages ihre Kinder in einen Handkarren und bricht auf zu einer weiten Reise durch den trockenen Süden Spaniens in Richtung Meer.

Meine Rezension

Frasquita lebt in einem kleinen, abgeschiedenen andalusischen Dorf. Von ihrer Mutter erhält sie ein Nähkästchen und damit eine unglaubliche Gabe: von nun an näht sie mit leuchtenden Farben und einem ungeheuren Geschick die schönsten Kleider.
Doch die Dorfbewohner sind misstrauisch und gönnen der jungen Frau ihr Talent nicht.
Frasquita verblüht beinah in dem kleinen Dorf, als sie plötzlich beschließt eben jenes zu verlassen…

Fast ein Jahr verharrte Das genähte Herz von Carole Martinez auf meinem Wunschzettel, bevor ich es dieses Jahr endlich in meinem Osterkörbchen liegen hatte.
Und was soll ich sagen? Mir fehlen einfach immer noch die Worte, um dieses Buch adäquat zu beschreiben.

Die Geschichte beginnt mit Soledad. Sie widmet sich einer Aufgabe: die Geschichte ihrer Mutter Frasquita Carascos und den Geschwistern zu erzählen. Und diese beginnt in der Jugend Frasquitas, ihrem Leben bei den Eltern und wie sie zu ihrer Gabe kommt.
Bereits der Einstieg, also der Prolog der sich mit Soledad beschäftigt, fesselt einen regelrecht an das Buch. Die Autorin versteht es, einen honigsüßen Kleber aus Worten auszulegen und man ist sich bereits im Prolog sicher, dass man eine besondere Geschichte in der Hand hält. Der Einstieg in die Geschichte fällt so sehr leicht und man hat sehr schnell einige Seiten gelesen und befindet sich, ehe man es merkt, mitten in der Geschichte.

Die Sprache selbst lässt sich mit der Gabe Frasquitas vergleichen: ebenso geschickt wie überwältigend reiht Martinez die Worte aneinander wie eine Stickerei. Sie ist präzise, kraftvoll, mythisch und poetisch. Jeder einzelne Satz fließt nur so dahin und geht ohne große Brüche in den nächsten über. Das unterstützt natürlich einen angenehmen Lesefluss.
Die Atmosphäre des Romans ist unglaublich dicht: man fühlt beinah die Hitze und Trockenheit Spaniens auf der eigenen Haut, beinah reißen einem selbst die Lippen ein. Man fühlt die Blicke derjenigen auf sich, die noch in einer alten Ordnung gefangen sind und sich gegen alles Neue sperren.

Die Geschichte selbst wimmelt nur so vor Überraschungen. Denn das was die Autorin hier präsentiert ist ein Märchen, in dem es fast an Zauberei grenzende Vorfälle geben kann.
Auffallend sind vor allem die Charaktere: die Autorin schafft es diese so zeichnen, dass sie einem ans Herz wachsen, aber das man sie gleichzeitig mit einer gewissen Distanz betrachtet.

Ich bin restlos begeistert von dem Buch und würde es am liebsten jedem einfach in die Hand drücken, der wirklich gute Literatur lesen will.
Andererseits muss ich eingestehen, dass dieses Buch vielleicht doch ein wenig speziell ist. Man muss sich öffnen für dieses Buch und es an sich heran lassen.

Dennoch hoffe ich, dass es viele Leser finden wird, die ähnlich begeistert sein werden wie ich.
Das genähte Herz hat am Thron meines All-Time-Favourites gerüttelt an den lange, lange kein anderes Buch herranreichen konnte und stellt sich jetzt neben Patrick Süskinds „Parfum“ auf den Thron.

Meine Bewertung

5 von 5 Büchern


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Der Junge und die Taube – Meir Shalev

Verlag:Diogenes
ISBN: 978-3-257-23945-4
Seiten:
406
Ausgabe:
Taschenbuch
Preis:
€ 10,90
ET:
05.2009

Ein Junge namens Baby wächst ohne Eltern in einem Kibbuz auf und interessiert sich brennend für Brieftauben. Er ahnt nicht, dass ihm neun Jahre später das Wissen über diese Brieftauben von großem Nutzen sein wird, um den sehnlichsten Wunsch seiner Geliebten zu erfüllen. Viele Jahre später: Ein Haus für sich allein will der Touristenführer und Vogelkundler Jair. Denn seit es in Israel nicht mehr viele Touristen durch das Land zu führen gibt, denen man die Schönheiten der Flora und Fauna zeigen kann, steht Jair auf der Lohnliste seiner amerikanischen Frau Liora, die ein Immobiliengeschäft betreibt und ihm jeden Wunsch von den Augen abliest. Und welcher Mann hält das schon aus? Die Geschichte einer alten Liebe, die eine neue wurde, dann zu verlöschen drohte – und doch siegte.

Meine Rezension

Die Lebensgeschichte zweier Menschen

Jair lebt in Tel Aviv und ist Touristenführer und ist vorallem darauf spezialisiert Ornitologen durch das Land zu begeiten. Seine Ehe verläuft alles andere als zufriedenstellend und so verwundert es wenig, dass Jair von dem Geld das ihm seine Mutter auf dem Sterbebett hinterlässt auch wie von ihr gewollt in einer abgelegenden Gegend ein Haus kauft und von seiner Jugendfreundin Tirza renovieren lässt.

Jahre zuvor im Unhabhängigkeitskrieg: der 19 jährige Taubenzüchter ‘Baby’ wird zur Palmach berufen und soll mit ihr in ein Kampfgebiet ziehen. Er lässt sein geliebtest ‘Mädchen’ zurück und nimmt nur ein paar seiner geliebten Tauben mit und ahnt noch nicht, dass es eine Taube sein wird und nicht er, die seinem Mädchen das vielleicht schönste Geschenk auf Erden überbringen wird.

Eine unglaubliche Geschichte!
Shalev erzählt mit viel Feingefühl die Geschichte von zwei Männer und zeigt dabei eine unglaubliche Gabe auch kleinste Details genau wieder zu geben.
Dabei zeichnet der Autor in seinem Roman Der Junge und die Taube vielschichtige Figuren, die von ihrem Hoffnungen, Wünschen und Ängsten angetrieben werden und versuchen sich in schwierigen Zeiten zurecht zufinden und alle sind auf die ein oder andere Weise mit einander verbunden.
Erzählt wird dabei hauptsächlich aus der Sicht von ‘Baby’ und Jair und Shalev zieht in seiner Erzählung die Verbindung der beiden Handlungsstränge bis zum Ende langsam, aber doch kontinuierlich zu. Am Ende ist ein ganzes Bild entstanden, dass wenig zu wünschen übriglässt.
Der Autor erzählt die Geschichte mit einer unglaublich präzisen Sprache, die zwischenzeitlich an ein Märchen erinnert und den Leser in den Band des Buches zieht und ihn ohne Holper von Seite zu Seite trägt. Jedes einzelne Wort hat sich Shalev gut überlegt.

Trotz all der Schwärmerei noch zwei kleine Kritikpunkte:
Taube auf English heißt „pigeon“ und nicht „pidgeon“; kleiner Rechtschreibfehler, bei dem sich aber die Zehennägel als Anglistin aufstellten; und erst recht, wenn man überlegt, dass Shalev sehr gut über Brieftauben recherchiert hat und dann ausgerechnet die englische Bezeichnung falsch geschrieben wird. Ich hoffe, der Fehler ist dem Übersetzer passiert! Dieser Kritikpunkt bezieht sich vor allem auf die gebundene Version des Romans, denn ob der Fehler auch noch im Taschenbuch vorhanden ist, kann ich nicht sagen.
Jair und seine Frau Liora führen keine glückliche Ehe, versuchen, sich aus dem Weg zu gehen. Wieso trennen sie sich nicht? Denn immerhin scheinen beide nur bedingt von einander abhängig zu sein. Shalev hätte hier einfach noch ein bisschen ausführlicher darauf eingehen müssen, warum beide dennoch an ihrer Ehe festhalten. Dies erschloss sich mir bis zum Schluss nicht.

Alles in allem aber ein wunderbares Buch! Shalev habe ich nicht zum letzten Mal gelesen….

Meine Bewertung

5 von 5 Büchern

Vielen Dank dem Diogenes Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!


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Die Brandungswelle – Claudie Gallay

Die BrandungswelleVerlag: Btb | Leseprobe (.pdf)
ISBN: 978-3-442-75242-3
Seiten: 560
Ausgabe: Hardcover
Preis: € 21,95
ET: 02.2010

La Hague im Nordwesten der Normandie: Es heißt, der Wind bläst hier zuweilen so stark, dass er den Schmetterlingen die Flügel fortreißt. Nur wenige leben hier, am Ende der Welt, am Meer, dort, wo die Menschen ebenso schroff sind wie die Natur. Sie hat ihren Mann verloren und sich in diese raue Gegend geflüchtet. Sie beobachtet Vögel, eine monotone Arbeit, die ihr gut tut und sich mit ihrem Seelenleben deckt. Sie lebt in einem Haus, der Griffue, das fast im Meer steht; niemand versteht, wie man es dort aushalten kann. Das Leben ist ruhig, von der Außenwelt so gut wie abgeschnitten, es wird vom Wetter, vom Wind, den Gezeiten bestimmt – bis eines Tages Lambert auftaucht. Fremde, die länger bleiben, gibt es selten; sie werden von den Einheimischen argwöhnisch beäugt, aber Lambert ist nicht wirklich fremd: irgendwie gehört er dazu. Vor vierzig Jahren starben hier seine Eltern und sein jüngerer Bruder bei einem Bootsunglück. Nun ist er zurückgekommen, um das dramatische Unglück von damals aufzuklären. Und allmählich bröckelt die Wand des Schweigens, hinter der jeder Dorfbewohner ein Geheimnis zu verbergen scheint. Was das Meer genommen hat, das spuckt es irgendwann wieder aus …

Meine Rezension

Es ist für mich schwer zu einem Buch eine Rezension zu schreiben, das ich vor allem wegen seiner Stimmung so gerne mochte und das mir beim Lesen öfter den Gedanken entlockte: Das ist einfach schön geschrieben! Der Autorin ist es nicht nur gelungen, die Stimmung ihrer Figuren zu transportieren, sondern auch die Landschaft und die Umgebung am Meer in La Hague sehr farbenreich zu schildern. Zwar ist alles eher grau und düster gehalten, aber man bekommt so einen Eindruck von der Gegend und vor allem auch den Menschen. So war ich sehr schnell mitten in der Handlung und ein innerer Film lief vor mir ab. Irgendwie passt auch die Umgebung ganz gut zur Handlung die in “Die Brandungswelle” erzählt wird. Wenn etwas Ereignisreiches geschieht, ändert sich auch das Wetter, so scheinen die Menschen in La Hague unbewusst auf die Natur zu reagieren und die Natur unterstreicht wiederum die Menschen in ihrem Leben. Vor allem das eher raue Klima hat es der Autorin wohl angetan. Ihre Beschreibung eines Sturms, der die Handlung einleitet, hat mir sehr gefallen und irgendwie hatte ich fast das Gefühl, mitten darin zu sein.

Die Figuren sind da schon schwieriger, mit Ecken und Kanten, man muss schon etwas genauer hinsehen, um das Liebenswerte vielleicht zu erkennen. Die Konstellationen sind oft auch nicht ganz einfach, nicht weil man die Menschen nicht auseinander halten könnte – sondern auf einer zwischenmenschlichen Ebene gesehen. Über die Jahrzehnte haben sich unterdrückte Gefühle wie Hass, Verlustängste, aber auch Liebe und Leidenschaft aufgestaut. Etwas scheint fast zu brodeln und möchte an die Oberfläche. Die Erzählerin – denn der Roman wird ganz aus ihrer Sicht erzählt – kann manchmal nur erraten, was hier vor langer Zeit begann und warum manche Verhältnisse so sind wie sie sind. Aber sie deckt durch ihre eigene Suche nach der Wahrheit so manches auf, und so wird dann am Ende auch dem Leser einiges klar. Dabei haben wir es hier mit einer recht traurigen Geschichte zu tun, und am Ende merkt man schnell, dass die Wahrheit oft sehr, sehr schmerzhaft sein kann. Und dies auf beiden Seiten: auf der Seite desjenigen, vor dem etwas verborgen wurde, aber auch genauso auf der Seite desjenigen, der verborgen hat. Gerade dies aufzudecken, ist der Autorin wirklich sehr gut gelungen.

Der Roman ist irgendwie wie das Meer: In manchen Kapiteln ist es ruhig und sanft, und in manchen dann wieder sehr aufbrausend bis am Ende noch einmal ein Sturm aufzieht.  Dennoch erzählt sie in leisen Tönen und hat so auch Zeit für Erzählstränge, die eher zum Gesamtbild der Menschen in La Hague beitragen. Vor allem der Künstler Raphael ist hier für mich genial eingefangen worden. Seine Skulpturen ziehen sich durch die Handlung und passen beim genaueren Hinsehen zur jeweiligen Situation. Auch sein künstlerisches Schaffen kann man sich richtig vorstellen. An manchen Tagen darf dann auch niemand sein Atelier betreten, so lange bis der rote Stein vor der Tür wieder fort genommen wurde. Die Autorin deutet hier auch eine Geschwisterliebe an, die etwas problematisch erscheint. Fast hat man den Eindruck zwischen Raphael und Morgane ist mehr als es zwischen Geschwistern sein sollte. Dennoch bleibt dem Leser selbst überlassen, was er davon nun eigentlich halten soll.

Dadurch dass es hier keinen allwissenden Erzähler gibt, bleiben die Figuren dem Leser dann aber doch etwas fremd. Vieles ist ja nur Interpretation der Erzählerin, und auch sie hat in vieles keinen Einblick. Vielleicht hätte mich das zu weilen etwas gestört, aber es beschreibt dadurch auch die Situation der Erzählerin, die selbst als Fremde in La Hague lebt und vor der man also auch so manches verheimlicht. Es ist nicht erwünscht, dass sie nachhakt und versucht hinter die Fassade zu blicken. Gleichzeitig erfährt der Leser auch von der Erzählerin wenig, sie hält sich zurück. Doch ihr Schmerz ist dennoch spürbar, ihr Verlust so treffend beschrieben, dass es wehtut.

Hier dringt man tief in die Gefühle anderer Menschen ein, in die Abgründe, die sich auftun, wenn man jahrzehntealten Hass hegt und pflegt, verschmähte Liebe nicht vergessen kann und alte Wunden dadurch nicht heilen können. Der schwere Verlust der Hauptfigur passt hierbei genauso ins Bild, irgendwie reiht sie sich ein Stück weit in die Menschen des Dorfes ein, auch wenn sie selbst als Einzige am Ende die Möglichkeit findet, sich von der Vergangenheit zu lösen und einen Neuanfang zu wagen.  Dies Einzufangen, vor allem auch eine Stimmung zwischen den Zeilen zu entwerfen, ist der Autorin wirklich sehr gut gelungen. Einzig ein kleiner Kritikpunkt am Ende bleibt dann doch noch: ich fand die Handlung zum Teil etwas vorrausehbar und irgendwie wusste man ab einem bestimmten Punkt sehr genau was passieren würde, noch ehe die Figuren selbst sich darüber im Klaren waren.
Es fällt mir nach wie vor schwer, die Stimmung des Buches in Worte zu fassen und ich habe das Gefühl, das was ich schreiben wollte habe ich nicht geschrieben…

Meine Bewertung

4 von 5 Büchern

Vielen Dank an btb für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.


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Die amerikanische Malerin Emma Dial – Samantha Peale

Verlag: Berlin Verlag
ISBN: 978-3-8270-0895-4
Seiten: 304
Ausgabe: Hardcover
ET: 02.2010
Preis: € 22,00

Die zeitgenössische Kunstszene wird von einer auserwählten Elite bestimmt. Die talentierte junge Malerin Emma Dial steht mittendring und doch nur dabei. Sie ist die Assistentin eines weltberühmten Künstlers, hat seit sechs Jahren nichts mehr gemalt. Jedenfalls nicht für sich selbst…

Meine Rezension

Mit einer überaus subtilen Beschreibung steigt die Autorin Samantha Peale in ihren Roman ein. Sie lässt die Leserinnen und Leser gleich zu Beginn teilhaben an der Vollendung eines Furore machenden Bildes. Doch ist es nicht der weltbekannte Maler Michael Freiburg, der “seinem” Gemälde das gewisse Etwas verpasst, es ist seine Assistentin Emma Dial. Diese träumt – für einen Moment – aus dem Fahrwasser von Michael Freiburg heraus zu treten und als Talent erkannt zu werden. Doch der Moment geht vorbei, die Kundschaft im Atelier wendet sich wieder dem eloquenten Künstler zu und vergisst, dass Emma Dial sie in ihr eigenes Atelier gebeten hat, in dem sie nebst ihrer Assistenz für Michael Freiburg arbeitet.

Schnell einmal wird klar, worum es in diesem Roman geht: Um die Wahrnehmung von Kunst und Künstlern. Denn nach und nach deckt Samantha Peale auf, wie wenig dem Namen vertraut werden kann, der unter dem Bild steht. Nicht, dass es etwa nicht vom Künstler persönlich signiert worden wäre, doch gemalt wurde es von einer Assistentin oder einem Assistenten. Dass die Assistenz im Falle von Emma Dial weit über die Malerei hinaus gelebt wird, sie als seine Geliebte aber im Hintergrund bleiben muss, ist er doch verheiratet, macht die Figur Michael Freidorf nicht unbedingt erträglicher.

Samantha Peale pflegt einen schnörkellosen Stil, kommt direkt zur Sache und beleuchtet hemmungslos, was im Dunkeln geschehen sollte. Das gibt dem Roman eine ungeahnte Tiefe. Letztlich geht es nämlich nicht nur um die Scheinwelt der Kunstszene, es geht auch darum, mit welchen Mitteln sich ein bekannter Künstler seine Assistentin gefügig macht. Das manipulative Verhältnis – Emma kann sich kaum aus dem Dunstkreis von Michael lösen – bekommt eine neue Note, als Freiburgs Konkurrent Philip Cleary auftaucht und sich offen für Emma interessiert.

Dem stark auf einer psychologischen Ebene angesiedelten Buch wird durch die skurilen Figuren, die in dieser Künstlerszene auftauchen, eine spezielle Note verliehen. Dennoch gerät die Geschichte letztlich in Gefahr, sich etwas im Kreise zu drehen. Doch die angenehme Länge des Buches verhindert, dass die Story ausfranst und sich im Nichts verliert. So bleibt es, was es schon zu Beginn verspricht: Eine hintergründige Geschichte über Abhängigkeit, Hoffnung, Kunst und letztlich auch Liebe.

Meine Bewertung

4 von 5 Büchern

Vielen Dank dem Berlin Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.


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Auch wenn wir am Aufarbeiten sind, einige alte Inhalte von der ursprünglichen Buchcouch-Homepage fehlen noch.

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Letztes Update: 18. September 2011

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