Archiv für die Kategorie „Erzählungen“
Die merkwürdigen Fälle des Dr. Irabu – Hideo Okuda
Verlag: btb
ISBN: 987-3-442-74060-4
Seiten: 256
Ausgabe: Taschenbuch
Preis: € 8,95
ET: 08.2010
Neue Geschichten vom japanischen Kult-Psychiater Dr. Irabu
Der Chef einer großen Tageszeitung und Besitzer einer eigenen Baseballmannschaft, der Angst vor der Dunkelheit hat. Ein äußerst erfolgreicher Geschäftsmann der IT-Branche, dem plötzlich die einfachsten Wörter nicht mehr einfallen. Eine berühmte Schauspielerin, die auf dem Höhepunkt ihrer Karriere panische Angst vor dem Alter bekommt. Und ein Tokioter Verwaltungsbeamter, der in die Provinz versetzt und unvermittelt mit den rauhen Sitten seines Landes konfrontiert wird. Sie alle suchen Hilfe bei Dr. Irabu, dem eigenwilligen Psychiater. Und siehe da – seine unkonventionellen Behandlungsmethoden zeigen Wirkung!
Meine Rezension
Der Titel könnte durchaus zu einem Krimi gehören, doch weit gefehlt. Hier geht es um die Fälle eines Neurologen, der aber irgendwie auch eine Art Psychologe ist. Er ist 40 Jahre alt und nennt den Besitzer der Klinik in der er arbeitet Vati… er hat einen schrägen Humor und ist schon als Figur schräg genug um ihn irgendwie zu mögen. – Aber aufgepasst, irgendwie kann er einem auch schnell auf den Keks gehen! Er hat eine eigene Krankenschwester, die in einer Punkband spielt und immer ein wenig gelangweilt wirkt. Ich finde aber, sie passt total zu Dr. Irabu und bremst auch so manche Situation aus, in dem sie ihr ein Teil der Lächerlichkeit nimmt. (Was ab und an für die Handlung ganz gut ist, sonst wird es ein bissl zu viel des Guten.) Das Buch ist kein zusammenhängender Roman, sondern besteht aus 4 Geschichten. Jede dieser Geschichten ist einem Patienten gewidmet. Deshalb werde ich auch zu jeder Geschichte einen eigenen Kommentar abgeben und dann ein Fazit ziehen.
Der Clubbesitzer
Um ehrlich zu sein, zu Beginn hatte ich das Gefühl, Dr. Irabu hatte nicht mehr alle Tassen im Schrank. Erst scheint als würde er sich über seine Patienten, den Besitzer einer Zeitung, lustig machen, ihn weder ernst nehmen noch respektieren. Irabu ist wirklich eine Persönlichkeit für sich. Aber dennoch gelingt es ihm, seinen Patienten zu überzeugen, wenn auch auf einigen Umwegen. Der Clubesitzer heißt aber deshalb so, weil dieser Zeitungsbesitzer einen eigenen Baseballclub hat. In plagt die Angst vor der Dunkelheit, der er sich aber zunächst nicht stellen möchte.
Mir hat die Geschichte vor allem deshalb gefallen, weil die Ängste die der Clubbesitzer hat, nicht so weit hergeholt sind und der Autor mit der Lösung am Ende einen schönen Ausblick für die Zukunft der Figur gibt und ihr die Möglichkeit lässt, auch im Alter den Sinn des Lebens nicht verloren zu haben. Mag sein, dass in der Realität viele Menschen – gerade auch Workaholics – nicht rechtzeitig die Notbremse ziehen. Zudem kann ich mir gut vorstellen, dass Dr. Irabu mit seiner Krankenschwester anstößt, dass er einmal mehr recht hatte!
Anpomann
Taokaki Anpon ist Schriftsteller aber eigentlich ist er ein junger Selfmademillionär aus der IT Branche. Als er beginnt einfachste Dinge zu vergessen (zum Beispiel Schriftzeichen), muss er sich Hilfe bei Dr. Irabu suchen.
Für diese Geschichte würde es wohl durchaus ein wenig helfen, selbst Japaner zu sein oder sich ein wenig mit den Kanji aus zu kennen. Andererseits kann man sich schon auch vorstellen, was es bedeutet, einfach zu vergessen wie ein bestimmter Buchstabe aussieht. Wobei Japanische Schriftzeichen ja schon sehr viel komplizierter sind.
Hier fand ich es spannend, die Gründe für die Krankheit des jungen Mannes zu erfahren. Sind wir durch den Gebrauch von Computern zu rational geworden? Ist das Schreiben mit der Hand nicht ein Ausdruck von Persönlichkeit und Kultur? Vielleicht in Japan sogar noch stärker als in Europa?
Das sind die Fragen, die der Autor hier anschneidet. Vielleicht nicht unbedingt neu aber durchaus schön umgesetzt.
Ich wurde hier mit Dr. Irabu doch noch warm. Dieses Mal, weil er seine fiese Ader durchscheinen lässt, so was gefällt mir an passenden Stellen immer mal wieder ganz gut. Irgendwie hat er immer sehr merkwürdige Methoden seine Patienten zu “heilen”. Statt sie auf die Couch zu legen, bringt er sie in unmögliche Situationen und reist ihnen auch schonmal hinterher. Ich würde ja fast sagen er stalkt…
Die Prominente
Hier greift der Autor ehrlich gesagt zu so manchem Klischee… Eine alternde Schauspielerin, die sich große Gedanken um ihr Gewicht und das Altern macht, spielt hier die Hauptfigur. Sie hat ein sehr merkwürdiges Verhältnis zu Essen, Fett und sportlicher Betätigung. Sobald sie auch nur ein Gramm zu viel gegessen hat, holt sie ihr Sportgerät aus dem Kofferraum und treibt heimlich extremen Sport, niemand darf davon erfahren, alle sollen glauben, ihr Gewicht sei ganz natürlich und sie würde nichts dafür tun, um es zu halten. Aber sie selbst leidet nur an Schlafstörungen, dessen ist sie sich sicher. Auch hier soll Dr. Irabu Abhilfe schaffen. Dieses Mal geschieht das Ganze auf noch verrücktere Art als in den beiden vorangegangenen Geschichten. Er selbst hält sich beim Essen auf einer Party dann kaum noch zurück . Hier hat aber auch die Krankenschwester Mayumi – die Assistentin von Dr. Irabu- eine etwas aktivere Rolle. Sie spielt ja in einer Punkband und hat ihre ganz eigenen Gedanken über die Schauspielerin und deren Assistentin, einer Bandkollegin von ihr.
Die Prominente fand ich sofern recht lebensnah, da irgendwie jede Frau irgendwannmal ein bissl Probleme mit ihrem Gewicht hat und es dann bei der ein oder anderen auch ganz schön ausarten kann. Andererseits, ob Irabu ihr wirklich geholfen hat bleibt in diesem Fall offen.
Bürgermeisterwahl
Diese letzte Geschichte gefiel mir dann überhaupt nicht. Da sie auch die längste ist, beeinflusst das meine Endbewertung natürlich massiv.
Irgendwie ist Irabu hier zum Teil nicht mehr nachvollziehbar und absolut nicht ernst zu nehmen. Er kommt mit seinem Verhalten nur noch negativ rüber und man fragt sich, was der Autor mit der Geschichte eigentlich bezwecken wollte.
Wie der Titel schon sagt, geht es um eine Bürgermeisterwahl, auf einer kleinen Insel in einem Bezirk der eigentlich noch zu Tokyo gehört. Irgendwie herrschen hier aber dennoch ganz eigene Regeln. Zwei Familien bekämpfen sich wie zu jeder Wahl und hoffen, jeweils den Sieg zu erringen. Dabei schrecken sie vor keiner Methode zurück, um für ihren Kandidaten Stimmen an Land zu ziehen. Im Normalfall geschieht das jedesmal durch Stimmenkauf. Die Hauptfigur wird auf die Insel versetzt und findet sich plötzlich zwischen den Fronten wieder, er arbeitet in der Stadtverwaltung und beide Seiten wollen ihn bestechen. Überfordert wendet er sich an den neuen Dr. der für ein paar Wochen auf der Insel stationiert ist…
Wir ahnen schon das es Dr. Irabu ist…
Die Geschichte selbst ist so absurd, dass ich an manchen Stellen eigentlich keine Lust mehr hatte weiter zu lesen. Zu dem ist sie zu lang geraten, an einigen Stellen hat man das Gefühl sie hört nie wieder auf. Die Rolle Irabus in diesem Fall ist mehr als fraglich. Irgendwie ist auch das Ende nicht sehr überzeugend, auch wenn man einmal mehr sieht, warum er sich wie verhalten hat. Aber alles in allem: die Geschichte hätte straffer sein müssen, um mich überzeugen zu können!
Mein Fazit
Die Geschichten sind bis auf die Letzte nicht all zu lang, 40-60 Seiten, also ideal für eine kürzere Zug oder Straßenbahnfahrt, oder für die Wartezeit beim Arzt (was ja irgendwie Stil hätte). Gemeinsam haben alle Geschichten Figuren, die in ihrem eigenen Leben nicht mehr klar kommen und typische Gesellschaftsprobleme haben. Zudem sind es alle Menschen, die im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Dr. Irabu zeigt allen Wege auf um eine andere Richtung einzuschlagen. Ein weiteres Plus ist, dass die Geschichten völlig unabhängig von einander gelesen werden können. Das würde ich sogar raten, da Dr. Irabu eine Figur ist, die einem schnell auf die Nerven gehen kann. Eine Geschichte und dann eine lange Pause ist die richtige Dosis, um sich das Ganze nicht zu verderben! Das Ganze lässt sich locker leicht lesen, leider konnte mich die letzte Geschichte – wie erwähnt – überhaupt nicht überzeugen. Ansonsten ist “Die seltsamen Fälle des Dr. Irabu” durchaus skurrile Unterhaltung – mehr aber auch nicht!
Meine Bewertung
Vielen Dank an den BtB Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.
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Die Seele der Wüste – Jane Johnson

Verlag: Page & Turner | Leseprobe (.pdf)
ISBN: 978-3442203444
Seiten: 500
Ausgabe: Hardcover
Preis: € 16,99
ET: 08.2010
London: Die erfolgreiche Steuerberaterin Isabelle Fawcett führt ein zufriedenes, aber wenig aufregendes Leben. Doch eines Tages macht Isabelle auf dem Dachboden ihres Elternhauses eine Entdeckung: In einer alten Schachtel findet sie ein silbernes Tuareg-Amulett mit einer geheimen Inschrift. Das Geheimnis des Amuletts lässt Isabelle nicht mehr los. Und so reist sie in die Sahara, um dem Rätsel auf den Grund zu gehen. Bei ihren Nachforschungen stößt sie immer wieder auf den Namen Mariata.
Marokko, etwa fünfzig Jahre früher: Die junge Tuareg Mariata verliebt sich in den Krieger Amastan. Doch ihr Vater zwingt sie, mit ihm und seiner neuen Frau in ein Haus im Süden von Marokko zu ziehen. Als er sie auch noch gegen ihren Willen verheiraten will, flieht Mariata in die Wüste. Voller Sehnsucht begibt sie sich auf eine lange, beschwerliche Reise quer durch die Sahara – immer auf der Suche nach Amastan.
Je mehr Isabelle über die Geschichte von Mariata erfährt, umso deutlicher wird, dass ihr Leben und das der Tuareg untrennbar miteinander verbunden sind.
Meine Rezension
Isabelle hatte schon als Kind kein gutes Verhältnis zu ihren Eltern. Als dann ihr Vater stirbt, scheint sich für die erfolgreiche Steuerberaterin nichts zu verändern. Doch sie folgt, wenn auch etwas widerwillig, einer Spur ihres Vaters: Mit einem Tuareg-Medaillon und ihrer besten Freundin fährt sie nach Marokko, um heraus zu finden, welche Bedeutung dieses Schmuckstück in ihrem Leben hat…
Jane Johnson erzählt die Geschichte des Medaillons in zwei Erzählsträngen: Man lernt zuerst Isabelle kennen und erfährt, wie sie zu dem Medaillon kommt. Danach nimmt die Autorin den Leser mit nach Marokko und stellt ihr die junge Mariata vor.
Und so geht es auch abwechselnd immer und immer weiter, den ganzen Roman durch. So kommt man in jedem Handlungsstrang nur langsam voran.
Auf der einen Seite erzeugt dieses versetzte erzählen für jede Handlung eine gewissen Spannung, aber es wird auch hin und wieder lästig. Man bleibt nie wirklich lange bei Isabelle oder Mariata. Hat man sich daran gewöhnt, mit einer der beiden Frauen seine Phantasie zu teilen, muss man sich auch schon wieder auf die andere einlassen. An einigen Stellen fand ich das Buch daher sehr unruhig und zerstückelt.
Auch lernt man die beiden Frauen meiner Meinung nach nicht richtig kennen, weil man zu wenig Zeit mit ihnen am Stück verbringen kann. Zwar schafft es die Autorin genug Hinweise zu geben, so dass man sich denken kann, wie diese Frauen sind, aber für mich war es fast zu wenig. Ich hätte mir das mehr Tiefe gewünscht.
Die Geschichte selbst fängt sehr ruhig an. Doch bis die Geschichte richtig in Schwung kommt, dauert es fast 150 Seiten. Das ist meiner Meinung nach einfach zu viel, da ich mich auf diesen ersten 150 Seiten beinah gelangweilt habe, da weder Isabelles Geschichte noch die von Mariata bis dahin vermag zu fesseln. Ich habe daher ernsthaft überlegt, ob ich das Buch wirklich zu Ende lesen mag.
Was ich hingegen sehr gelungen fand, war die Verknüpfung der beiden Erzählstränge: Natürlich war von Anfang an klar, dass sie irgendwie miteinander verbunden sein müssen, aber wie sie letzten Endes verbunden sind, hat mich dann doch sehr überrascht und war für mich nicht vorhersehbar.
Auch wenn mich „Die Seele der Wüste“ nicht komplett für sich einnehmen konnte, ist es ein sehr solider Roman, der einen doch gut unterhalten kann, wenn man ihm eine Chance gibt.
Meine Bewertung
Vielen Dank an den Page & Turner Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.
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Kleinstadtghetto Ballade – Oliver Becker
Verlag: Plöttner Verlag | Leseprobe (.pdf)
ISBN: 978-3862110049
Seiten: 170
Ausgabe: Taschenbuch
Preis: € 13,90
ET: 10.2010
Eine literarisch mutig umgesetzte Geschichte einer Affäre zwischen einem Schüler und seiner Lehrerin. Diese ungleiche Liebesbeziehung bringt eine Wende in den desolaten Alltag des jungen Mannes, er hat wieder den Willen weiterzumachen. Doch die Lehrerin beendet die Affäre und der Schüler, ohnehin ein Außenseiter, stürzt in eine tiefe Krise, die ihn letztlich gänzlich aus der Bahn wirft.
Sein Versuch aus seiner Rolle als Außenseiter in der miefig-erdrückenden Kleinstadt auszubrechen muss letztendlich scheitern.
Meine Rezension
Auerbach lebt mit seiner Mutter am Rande der Gesellschaft und wird von seinen Mitschülern gemobbt.
Es ist kein schönes, es ist aber vor allem kein würdevolles Leben, dass der Schüler führen muss.
Bis seine Lehrerin in sein Leben tritt und alles anders wird….
So oder so ähnlich lässt sich das neue Buch von Oliver Becker, Kleinstadtghetto Ballade, beschreiben.
Klingt nach etwas, dass es schon gegeben hat? Ja, das kann sein und auch wieder nicht, denn das was der Autor hier auf gerade mal 170 Seiten verpackt hat es wirklich in sich.
Und ich weiß gar nicht, wo ich beginnen soll….
Erstmal ist dort diese düstere, schwere Atmosphäre, die der Autor von der ersten Zeile an erschafft. Diese Hoffnungs- und Perpektivenlosigkeit sind von Anfang an greifbar und legen sich dem Leser wie eine zu schwere Wolldecke auf’s Gemüt.
Erst als der junge Schüler ein Verhältnis mit seiner Lehrerin beginnt und er selbst beginnt, wieder an sich und an das Leben zu glauben, wird auch die Atmosphäre leichter. Und dennoch lauert im Hintergrund immer noch etwas Unbestimmtes, das jeden Moment droht, wieder hervorzubrechen und alles mit sich zu reißen.
Neben der Atmosphäre ist es die Sprache, die mich begeistert hat. Auf der einen Seite ist sie sachlich und distanziert und hilft dem Leser in erster Linie in eine beobachtende Haltung zu finden, aber gleichzeitig steckt in ihr viel Gefühl. Es sind diese Gegensätze, die diese Geschichte zu etwas Besonderem machen.
Auch das Cover sei positiv erwähnt. Auf den ersten Blick mag dieses unruhig wirken. Es drückt jedoch in Kombination mit dem Titel bereits sehr gut aus, was der Leser in diesem Buch findet: Liebe, Chaos und Kraft.
Vielleicht interpretiere ich an dieser Stelle ein wenig zu viel in das Buch hinein, aber für mich beschreibt es nicht nur eine Liebesgeschichte, die es eigentlich gar nicht geben dürfte. Oliver Becker beschreibt schnörkellos und ehrlich, dass es Menschen in unserer Gesellschaft gibt, die an deren Rand leben. Menschen, die wir nicht beachten oder, noch schlimmer, verachten. Für mich ist dieses Buch auch ein Appell, sich darüber Gedanken zu machen, wie wir mit unseren Mitmenschen, und vor allem jenen, denen es nicht so gut geht, umgehen, ohne dabei den Zeigefinger zu heben.
Für mich ist dieses Buch wirklich etwas außergewöhnliches und ich wünsche ihm viele, viele ebenso begeisterte Leser!
Vielen Dank an Oliver Becker für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!
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Eine verlässliche Frau – Robert Goolrick
Verlag: btb | Leseprobe (.pdf)
ISBN: 978-3-442-75272-0
Seiten: 352
Ausgabe: Hardcover
Preis: 19,99 €
ET: 09.2010
In den harten Wintern Wisconsins, wo das Land für ein halbes Jahr unter einer Schneedecke verborgen liegt, türmen sich in den Wintermonaten Verbitterung und Wahnsinn.
Mütter erhängen sich vor den Augen ihrer Kinder.
Männer erschlagen ihre Töchter.
Söhne ertränken ihre Väter im eisigen Wasser eines Brunnen vor ihrem Haus.
Das sind Dinge, die passieren eben…
Auf den Beerdigungen dieser Toten ist steht’s ein Mann anzutreffen: Ralph Truitt.
Ein Mann mittleren Alters, der es durch das Erbe seines Vaters und durch seinen eigenen Fleiß zu großem Reichtum gebracht hat.
Jeder in der Stadt hat, direkt oder auch indirekt, mit Ralph Truitt zu tun. Entweder arbeitete man führ ihn, empfing Spenden oder kannte zumindest seine tragische Geschichte.
Die Geschichte seines Scheiterns, seiner Frau die reich aber elendig ihrem Tode zusteuerte und sein Sohn, der sich in jungen Jahren schon von ihm abgewannt hatte und nichts mehr hören und sehen wollte von ihm.
Gegen keine dieser Geschichten konnte Truitt etwas tun, keine kann er mehr ändern außer jener einen. Der Geschichte seiner Einsamkeit.
Abgesehen von seinen beiden Bediensteten, lebt er seit Jahren schon alleine in seinem bescheidenen Anwesen, ein Umstand den er für änderungswürdig hält und eine schlichte Heiratsannonce in eine Zeitung setzt in der er einfach -eine verlässliche Frau- sucht.
Seiner Situierung entsprechend melden sich natürlich viele Frauen, die sich eine Ehe mit einem völlig unbekannten, aber sehr reichen Mann, durchaus vorstellen könnten. Aber Ralphs Blick fällt auf das Bild einer nicht wirklich hübschen, schon etwas älteren, Frau die ihm versicherte -einfach und ehrlich- zu sein. Ihr Name war Catherine Land.
Nun steht er am Bahnhof, von allen Leuten angegafft, auf den Zug wartend in dem die von ihm gewählte Frau saß. Eine Frau die er sich kommen lässt wie ein bestelltes Möbel aus der großen Stadt. Eine völlig Unbekannte, die er gar nicht lieben will, die ihm nur die Einsamkeit vertreiben soll…
…eine Unbekannte die ihm helfen soll, einen schwierigen Plan auszuführen. Daß schaffen soll, was ihm all die Jahre über versagt geblieben ist. Seinen Sohn, seinen Erben, wieder nach Hause zu holen.
Da Catherine jedoch nicht die ist, die sie zu sein vorgibt, ahnt Ralph nicht, dass ihre Beziehung auf einer Lüge aufbaut. Einer Lüge die nur ein Teil von Catherines perfiden Plan ist diesen eisigen Flecken Erde, im Jahr 1907, als reiche Witwe wieder zu verlassen.
Auch das sind Dinge die eben passieren…
Der doch schon etwas in die Jahre gekommene Schriftsteller Robert Goolrick legt mit Eine verlässliche Frau seinen bereits zweiten Roman vor, und damit den ersten, der es auch in eine deutsche Übersetzung geschafft hat.
“Was für ein Glücksfall!”, möchte man fast nach dem zuschlagen des Buches ausrufen. Und das auch noch im Land der Dichter und Denker. Wirkt doch Goolricks Erzählung wie der Versuch eines Cormac McCarthys Friedrich Schiller zu interpretieren. Eine urklassische Geschichte über Rache, Hass, Intrigen, Liebe, Sex und natürlich den Tod. Alles gehalten von einem Rahmen einer eisigen Landschaft im Winter des Jahres 1907.
Goolricks Erzählstil ist wie die Illusion einer frostigen, vom Vollmond erhellten Winternacht, in deren Kälte man den Eindruck hat alles gestochen scharf zu sehen. Wo das Land still unter einer alles verschlingenden Schneedecke liegt und man im knirschenden Schnee einen Schritt nach dem anderen macht…ein Satz reiht sich an den nächsten. Aber Vorsicht. Genau so wie man unter dem ebenmäßigen Schnee keine Untiefen ausmachen kann und es uns steht’s Überraschung abnötigt, wenn wir weiter als üblich im Schnee versinken, so sind auch die Untiefen im Roman gut verborgen und werden erst sichtbar wenn man schon hinein getreten ist.
Der Autor schreibt knapp und nur das Nötigste, er verschwendet keine Worte die ihn nicht ans Ziel führen. Wodurch er auf den ersten Blick etwas unterkühlt und distanziert wirkt. Aber gerade jenes, im Zusammenspiel mit der Kulisse ewig scheinenden Winters, wirkt dadurch sehr homogen.
Er versteht es so etwas wie Spannung einzubringen, obwohl das Buch alles andere ist als ein Krimi oder Thriller. Das führt dazu das man sich dem Sog nicht entziehen kann, der sich mit dem Fortschreiten der Geschichte, bis zu ihrem tragischen Ende hin, zunehmend aufbaut.
Einzig mag man sich vielleicht an den, sporadisch auftretenden, dezent expliziten Beschreibungen seiner lüsternen Fantasien stören. Die meist durch seine, Ralphs, Entbehrungen sexueller Kontakte herrühren aber nie wirklich in eine pornographische Ecke abgleiten.
Der Roman ist ein dunkles Kammernspiel zwischen Schein und Sein. Eine Geschichte um Vertrauen, Hass und Liebe zwischen drei Menschen die scheinbar zufällig aufeinander treffen. Goolrick überzeugt dabei als wacher Beobachter und ausgezeichneter Architekt kleiner Dramen…Dingen die eben passieren.
Eine Empfehlung.
Vielen Dank an den btb Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.
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Die Geometrie der Wolken – Giles Foden
Verlag: Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-351-03292-0
Seiten: 390
Ausgabe: Hardcover
Preis: € 22,95
ET: 03.2010
Anfang 1944 erhält Henry Meadows vom Meteorological Institute in London Befehl, einen zurückgezogen in Schottland lebenden Wissenschaftler aufzusuchen. Wallace Ryman soll ein System entwickelt haben, das erstaunlich präzise Wettervorhersagen zulässt – entscheidend für die Landung der Alliierten in der Normandie. In geheimer Mission soll Henry die sagenumwobene “Ryman-Zahl” entschlüsseln. Regelmäßig trifft er den knorrigen Pazifisten, ohne Erfolg. Allein dessen Frau Gill lernt er näher kennen, als statthaft wäre. Es ist bereits Mitte Mai, als das Headquarter willkürlich ein Angriffsdatum festsetzt, doch bald geraten die Ereignisse – wie das Wetter – außer Kontrolle. – Das neue Meisterwerk des vielfach ausgezeichneten Autors von “Der letzte König von Schottland”.
Meine Rezension
Henry Meadows wurde Meteorologe aus heiterem Himmel – und als solcher will er einfach nur ein unscheinbares und einfaches Leben führen, bloß nicht auffallen.
Doch das ist alles, nur nicht einfach.
Denn er lebt und arbeitet mitten im 2.Weltkrieg und die Alliierten planen eine Invasion in der Normandie, die als D-Day in die Geschichte eingehen wird. Damit die Invasion auch klappt und mit möglichst wenig Risiko für die Soldaten verbunden ist, sollen die Meteorologe herausfinden, wann das Wetter für ca. 5 Tage besonders günstig ist. Doch Vorhersagen für mehr als 2 Tage sind zu dem Zeitpunkt noch extrem unzuverlässig.
Es gäbe jedoch eine Methode, die helfen könnte das Wetter zuverlässig über mehrere Tage zu bestimmen: die Ryman-Zahl.
Doch Wallace Ryman, Entdecker dieser Zahl, gibt nicht von alleine sein Wissen über diese für den Krieg so wichtige Zahl preis. Daher soll Henry Meadows versuchen mit Ryman Freundschaft zu schließen und so alle notwendigen Informationen über die Zahl zu sammeln.
So oder so ähnlich lässt sich der Inhalt des Romans zusammenfassen.
Als ich den Klappentext in der Buchhandlung sah, war mein erster Gedanke, dass ich dieses Buch unbedingt haben muss und als ich es endlich in der Hand hielt bin ich mit großem Enthusiasmus an die Lektüre gegangen.
Und was soll ich nun sagen? Nachdem ich nun andere Rezensionen gelesen habe, frage ich mich, ob ich irgendwie ein anderes Buch gelesen habe?
Denn die Begeisterung kann ich so nicht ganz unterschreiben.
Der Einstieg in das Buch gestaltet sich sehr leicht: man begegnet dem älteren Henry Meadows, der gerade auf der Habbakuk sitzt und beginnt seine Arbeit im zweiten Weltkrieg zu reflektieren und diese als eine Art Biographie aufzuschreiben.
Und so landet man mit dem jungen Henry Meadows in Schottland auf einer Mission, die den jungen und unsicheren Meteorologen zu überfordern scheint.
Und hier beginnt bereits der erste Knackpunkt des Buches: ab hier fand ich, dass sich das Buch ein wenig in die Länge zieht. Ich hatte das Gefühl, dass irgendwie nichts passiert und plötzlich war man dann auf Seite 200 und hatte prompt etwas mehr als die Hälfte des Romans gelesen.
Der Eindruck kann vor allem dadurch entstanden sein, dass man durch den Klappentext erwartet, dass es hauptsächlich darum geht, dass Henry Meadows sich an den Entdecker der Ryman-Zahl ran macht und versucht diesen auszuhorchen. Doch das läuft eigentlich nur so nebenbei.
Das führt auch dazu, dass man mit den Figuren nicht richtig warm wird. Sie bleiben ziemlich an der Oberfläche und ich hatte das Gefühl keinen richtig kennen zu lernen, selbst Meadows nicht, der ja über sich selbst und seine Erfahrungen schreibt.
Das klingt jetzt alles sehr negativ. Dennoch muss ich sagen, dass mich das Buch irgendwie schon in seinen Bann zog.
Denn in dem Buch geht es nicht nur um das Wetter, sondern auch um Liebe, das Schicksal, Verantwortung und den Zufall.
In einem wirklich angenehmen Schreibstil erzählt der Autor von den Vorbereitungen des D-Day und wie ein einzelner droht sich in dem Chaos und in der plötzlichen Verantwortung droht zu verlieren.
Während der gesamten Lektüre habe ich auf das Ende gewartet und darauf, ob die Meteorologen es schaffen, den D-Day in einer Schönwetterperiode statt finden zu lassen.
Fazit: Die Geometrie der Wolken ist ein Buch von dem ich auf der einen Seite etwas ganz anderes erwartet habe, das mich aber dennoch über weite Strecken faszinieren konnte.
Für mich ist es sicherlich ein Roman den ich nochmal werde Lesen müssen um ihn in seiner ganzen Fülle erleben zu können.
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Vielen Dank an den Aufbau Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!
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