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Bettina Hennig im Interview

Liebe Bettina, herzlichen Dank, dass Du unsere Leserunde zu „Luise – Königin aus Liebe“ begleitet hast und Du Dir die Zeit nimmst, der Buchcouch noch weitere, neugierige Fragen zu beantworten.

Buchcouch: „Luise – Königin aus Liebe“ ist Dein erster Roman. Eigentlich arbeitest Du als Journalistin. Wann kam der Wunsch auf, einen Roman zu schreiben, und wann hast Du mit der Recherche und dem Schreiben begonnen?
Bettina Hennig: Es war mehr ein Zufall, als ein gezielter Plan. Ich kannte Königin LUISE durch meine Familiengeschichte. Mein siebenfacher Urgroßvater ist ihr einmal, nämlich 1802, in Memel begegnet, und seine Eindrücke sind in unseren Familienaufzeichnungen erhalten geblieben. Ich wäre aber niemals auf die Idee gekommen, über sie zu schreiben, wenn mich nicht mein damaliger Doktorvater darauf gestoßen hätte. Er ist Präsident der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft und riet mir, meine Dissertation über seine Beziehung zu Königin Luise zu schreiben. Sie hat ihm ja Zuwendungen zukommen lassen und ihn quasi durchgefüttert. Mein Doktorvater fand es gut, über Luise zu schreiben, weil sich 2010 ihr Todestag zum 200. Mal jährt.

Aber das erklärt noch nicht, wie es dann zum Roman gekommen ist…
Die Geschichte geht auch weiter: Ich habe meinem Doktorvater versprochen, über seinen Vorschlag nachzudenken. Denn eigentlich fand ich das Thema nicht gut. Und wie das so ist, wenn man über etwas nachdenkt, habe ich die Sache mit einer Bekannten besprochen. Die war Lektorin und hat sofort einen Trend gewittert. Sie war begeistert: „Eine deutsche Autorin über eine deutsche Königin! Schreib einen Roman!“ Und verlangte Probeseiten. Ich war total perplex und überfordert und bin erst einmal zur Volkshochschule gegangen und habe einen Kursus besucht. Die Probeseiten habe ich dann tatsächlich zu Stande gebracht – und irgendwann hatte ich einen Vertrag mit einem Abgabedatum auf dem Tisch. Kurzum: Ich bin eigentlich eher durch die Umstände zu meinem Glück gezwungen worden, als durch eigenes Bemühen. Im Nachhinein bin ich froh darüber. Ohne diese Übertölpelung durch den Zufall hätte ich wohl nie einen Roman verfasst.

Buchcouch: Warum hast Du Dich ausgerechnet für einen Roman über die preußische Königin Luise von Mecklenburg-Strelitz entschieden? Was fasziniert Dich an ihr?
Bettina Hennig: Mich hat fasziniert, dass ich sie auf den ersten Blick gar nicht so sympathisch fand. Ich mochte diesen Heiligenschein nicht, den man ihr aufgesetzt hat. Mutter, Staatsfrau, Stilikone – ein historisches Superweib eben. Das war alles so grässlich feierlich und pathetisch. Erst als ich festgestellt habe, dass sie ideologische missbraucht wurde und eine ganz andere Seite hat, wurde ich warm mit ihr. Was sie ausmacht, ist das Schillernde ihres Charakters. Sie ist nicht nur oberflächlich mitreißend, sondern auch einfühlsam und sanft. Sie hat Auftritt und Schwäche. Etwas Hoheitliches und etwas total Albernes. Und sie wechselt von einer Seite zur anderen – mühelos. Einmal hat sie in einem Brief eine Szene geschildert: In einem Repräsentations-Raum empfängt sie ausländische Diplomanten, dann geht sie durch eine Tür, wechselt die Garderobe und spielt auf der anderen Seite des Raumes mit ihren Kindern. Dann hängt sie sich schnell wieder etwas Repräsentatives über, geht durch die Flügeltür und hält wieder Hof. Und sie macht sich in diesem Brief lustig darüber.

Buchcouch: Bist Du für Deine Recherchen an die Originalschauplätze gereist? Was hat Dich am meisten beeindruckt?
Bettina Hennig: Ich liebe Schlösser. Ich bin, seit ich denken kann, in jedes Schloss gerannt, von dem ich wusste. Bei den Recherchen konnte ich mich in diesem Sinne voll austoben: Charlottenburg, Kronprinzenpalais, Paretz, Oranienburg

Und dann liebe ich Berlin! Es ist die schönste Stadt der Welt. Ich bin für die Recherche extra nach Berlin gezogen. Manchmal bin ich einfach nur durch die Straßen gegangen, von denen ich annahm, dass sie auch Luise einmal durchschritten hat – und habe versucht nachzuempfinden, was sie beim Anblick dieser Straßen, Häuser und Menschen empfunden haben mag. Ihr Zeitgenosse Jean Paul hat gesagt: „Berlin ist ein eigener Weltenteil.“ Er muss Paris nicht gekannt haben, denn das war um ein Vielfaches imposanter.

Buchcouch: Was war Dein schönster Recherche-Moment?
Bettina Hennig: Luises Briefe zu lesen. Sie sind das Tor zu ihrer Seele. Malve Gräfin Rothkirch (eine geborene Reichsgräfin Medem!), die eine Sammlung Luise-Brief herausgegeben hat, meinte: Luises Briefe sind so lebendig, dass man das Gefühl hat, sie rede persönlich mit einem. Und tatsächlich: Es ist so. Man hört sie förmlich sprechen, wenn sie schreibt. Ihre jeweilige Stimmung bildet sich zwischen den Zeilen voll ab. Mal ist sie albern, schreibt hessisch und benutzt kindliche Worte. Mal ist sie ganz Moll – dann wählt sie das Französische. Mal ist sie aufgeregt und freudig – und dann wechselt sie in alle Sprachregister, die ihr zur Verfügung stehen. Schreibt Englisch, Französisch, Deutsch und Hessisch im Wechsel, holpert durch die Zeilen, und stolpert so manches Mal über die Grammatik. (Zu ihrer Entschuldigung muss man sagen: Vor den Gebrüdern Grimm gab es keine einheitliche Rechtschreibung. Und als Königin konnte man ohnehin schreiben, wie man es für richtig hielt.) Kurzum: Es waren Luises Briefe, die sie mir zur Freundin gemacht haben.

Buchcouch: Gab es beim Schreiben eine Figur, die Dich ganz besonders berührt hat?
Bettina Hennig: Ich liebe sie alle. Und ich liebe besonders ihre Schwächen. Luises Wunsch, sich in der großen weiten Welt zu behaupten. Friedrich Wilhelms Stottern. Prinzessin Polyxenes Sehnsucht nach Gesellschaft. Großmutter Scho’sch gesellschaftlicher Ehrgeiz. König Friedrich Wilhelm II. Konzilianz. Des schmalen Louis Nachlässigkeit. Die Doppelzüngigkeit von Zar Alexander. Napoleons Herablassung, und Wosniaks Krächzen. Und Louis Ferndinand, ach, in Louis Ferdinand habe ich mich total verknallt.

Buchcouch: In „Luise“ hast Du den gängigen Weg verlassen und den Figuren in ihren Dialogen oftmals deren Mundart verwenden lassen. Wie haben Deine Verleger darauf reagiert?
Bettina Hennig: Das mit der Mundart war ja schon in meinen Probeseiten zu sehen, da wusste der Verlag, was auf ihn zukommt. Ich habe es aber noch stark abgemildert. Luise sprach noch viel hessischer. Das habe ich ganz rausgenommen. Und Friedrich Wilhelm musste seinen abgehakten Berliner Dialekt sprechen. Es wäre sonst nicht klar geworden, warum ein gutaussehender, wohlerzogener, herzensguter Kronprinz mit 23 Jahren noch unverheiratet ist. Das ist so ungewöhnlich, denn normalerweise würde er mit 16 schon verlobt gewesen sein. Er musste also eine Makel haben, der nicht erkennbar ist.

Buchcouch: Was hast Du empfunden, als Du den letzten Satz Deines Romans beendet hattest?
Bettina Hennig: Stille – in die leider sehr schnell die Hektik des Lektorats und der Korrekturen eingedrungen ist.

Buchcouch: Es wird sicherlich ein ganz besonderer Moment gewesen sein, als Du „Luise“ das erste Mal als fertiges Buch in den Händen gehalten hast. Kannst Du Dich noch an diesen Moment erinnern? Wie war das für Dich?
Bettina Hennig: Ich war begeistert, berührt und überglücklich. Gemein war, dass ein Freund schon vor mir ein Exemplar hatte. Ich war superneugierig. Und er hatte kein Fotohandy, so dass ich überhaupt keine Vorstellung davon hatte, wie es aussieht. Ein Tag später habe ich vom Verlag ein Paket mit Belegeexemplaren bekommen. Ich habe es sofort aufgerissen und habe gejubelt, als ich das wunderschöne Cover sah: Es ist ein Ölgemälde von Elisabeth Vigée-Lebrun. Und mein Lieblingsporträt von Luise.

Buchcouch: Wir waren begeistert von „Luise“ und da liegt die Frage, wann Dein nächster Roman erscheinen wird, nahe. Kannst Du uns dazu schon etwas verraten?
Bettina Hennig: Danke, Ihr Lieben. Ich freu mich, dass Euch meine „LUISE“ gefallen hat. Aber wann mein nächster Roman erscheint, kann ich leider noch nicht sagen. Das hängt von vielen Faktoren ab.

Buchcouch: Worüber wird dieser Roman handeln? Leser von „Luise“ haben da sicherlich schon Hoffnungen und Vermutungen, dass es ein Buch über Luises Schwester Friederike werden wird.
Bettina Hennig: Ich möchte Eure Hoffnungen nicht zerstören, muss mich aber bedeckt halten. Lasst Euch doch einfach überraschen.

Buchcouch: Gibt es schon Ideen zu anderen Themen, über die Du gerne schreiben möchtest?
Bettina Hennig: Eine Menge. Ich hab mehrere Sachbuch-Themen in petto. Eins davon ist kurz davor abgeschlossen zu werden. Und dann möchte ich dringend noch ein Theaterstück schreiben – über eine Prominenten-Ehe, die mich extrem fasziniert.

Buchcouch: Wie geschichtsinteressiert bist Du und was fasziniert Dich besonders?
Bettina Hennig: Ich interessiere mich total für Geschichte, besonders für den Adel, sein Selbstverständnis und seine Lebensweise. Da ist es mir egal, ob die im antiken Rom, in Frankreich, in England oder in Deutschland aktiv waren. Zudem kommt, dass ich nun, da man die Potsdamer Schlösser, ohne langwierige Visumsstress, endlich besichtigen kann, eine große Liebe für die Preußen entwickelt habe. Aber mir ist es egal, welches Land und welches Zeitalter, Hauptsache Adel.

Buchcouch: Hörst Du beim Schreiben Musik oder brauchst Du absolute Stille?
Bettina Hennig: Ich höre gar keine Musik. Auch nicht, wenn ich nicht schreibe. Ich höre wenn überhaupt: Radio. Aber nicht beim Schreiben.

Buchcouch: Gibt es noch andere Rituale, die für Dich unerlässlich beim Schreiben sind?
Bettina Hennig: Ich würde nicht sagen, dass ich ein Ritual zum Schreiben brauche. Aber Freunde von mir behaupten, dass ich ohne Jasmintee und absoluter Stille nicht schreiben kann, ich weiter arbeitsunfähig sei, wenn es zu windig und zu heiß ist, gleichzeitig aber frische Luft und Wärme brauche. Es mir angeblich wichtig sei, dass auf meinem Schreibtisch immer weiße Blumen stehen (am liebsten Rosen) sowie ein Bild meines Mannes, welches nur in Mahagoni gerahmt sein darf – und überhaupt das Ambiente stimmen muss, womit gemeint ist: Bücher, Kunst, antike Folanten und andere Schätze. Ich halte das für eine Festschreibung, die unzulässig ist.

Buchcouch: Hast Du ein Vorbild bzw. einen Lieblingsautor?
Bettina Hennig: William Makepeace Thackeray, Leo Tolstoi, Thomas Mann, Theodor Fontane, Stefan Zweig, und, auch wenn er keine Belletristik verfasst hat: Siegmund Freud. Er ist für mich der Größte.

Buchcouch: Hast Du einen ganz persönlichen Buchtipp für uns?
Bettina Hennig: Die Bibel! Gut geschrieben, mitreißende Konflikte und Dialoge, die auf den Punkt kommen – nicht umsonst ein Longseller von Weltklasse.

Buchcouch: Gibt es eine Frage, die Du gerne einmal in einem Interview gestellt bekommen würdest? Wenn ja, welche ist das und kannst Du sie uns auch gleich beantworten?
Bettina Hennig: Es gibt so eine Frage nicht. Ich bin ganz glücklich mit dem, was kommt.

Buchcouch: Kannst Du diesen Satz für uns vervollständigen: “Schreiben ist für mich…
Bettina Hennig: das Schönste.

Und nun noch ein kleines Spiel, bei dem es darum geht, was Du von den zwei Begriffen bevorzugst…

Buchcouch: Sonne oder Mond
Bettina Hennig: Wo bleiben da die Sterne, nach denen man greifen kann?

Buchcouch: Turnschuhe oder Highheels?
Bettina Hennig: Weder noch.

Buchcouch: Süß oder salzig?
Bettina Hennig: Beides.

Buchcouch: Ebook oder Buch?
Bettina Hennig: Hier ein klares Bekenntnis – zum Buch!

Nochmals vielen Dank für das schöne Interview und wir wünschen dir weiterhin viel Erfolg auf Deinem Weg als Autorin.

Weiterführende Links

Verlag: Goldmann
ISBN: 978-3-442-46406-7
Seiten: 704
Ausgabe: Taschenbuch
ET: 11.2009
Preis: € 9,95
Buchcouch-Rezension zu “Luise – Königin aus Liebe”

Bettina Hennig auf der Buchcouch


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Fragen an Corinna Kastner aus den Leserunden

Während der Leserunden zu Corinna Kastners Büchern haben sich einige schöne Fragen an die Autorin ergeben, die sie zum Glück auch beantworten konnte, da sie alle drei Mystery-Romane begleitet hat. Ich habe diese Fragen in diesem “Interview” zusammengefasst (spoilerfrei natürlich). Herzlichen Dank, Corinna für die wunderbar offenen und ausführlichen Antworten.

Fragen aus der Leserunde: “Eileens Geheimnis”

Jan: Schreibst du nach einem Konzept oder setzt du dich an den PC, schreibst los, so nach dem Motto “Schaun mer mal wo wir landen”?
Corinna: Als ich anfing zu schreiben, habe ich das nach letzterer Methode getan. Das fand ich (und finde es noch) sehr spannend, weil das Schreiben dabei so ähnlich ist wie das Lesen, man weiß eben nie im Voraus, was als nächstes kommt! Zwei Geschichten in Romanlänge sind so entstanden, aber nicht veröffentlicht worden.
Dann habe ich angefangen, Exposés zu erstellen, vor allem auch deshalb, weil mein Agent mir gesagt hat (was ja auch einzusehen ist), dass Verlage gern einen ersten Eindruck haben möchten von dem, was sie angeboten bekommen, und zwar von vorne bis hinten – ohne sich gleich durch hunderte von Seiten lesen zu müssen. Ich habe festgestellt, dass ich nicht gut kurz zusammenfassen kann, daher sind meine Exposés sehr ausführlich und sehr genau ausgearbeitet. Was natürlich nicht heißt, dass sich im Nachhinein beim Schreiben nicht noch das eine oder andere ändert. Du hast “Eileen” ja noch nicht ausgelesen, aber ohne jetzt zu viel zu verraten: Der Schluss war im Exposé noch anders angedacht. Es kann auch passieren, dass Figuren, die eigentlich nur eine Nebenrolle spielen sollen, sich plötzlich ganz anders entwickeln und viel mehr Raum bekommen. Aber bei der Geschichte an sich und die wichtigsten Handlungssträngen richte ich mich doch nach dem Exposé.

Jan: Hast du bestimmte Tageszeiten an denen du schreibst, oder musst du zum Schreiben in einer bestimmten Stimmung sein?

Corinna: Wenn ich könnte, wie ich wollte…  grins sähe mein Tag so aus: Zwischen 9 und 9:30 an den Schreibtisch (ich finde, niemand sollte gezwungen werden, VOR acht aufzustehen), dann bis mittags arbeiten, bisschen Pause, nachmittags und abens weiterarbeiten, so lange man Lust und Power hat. Und dann Feierabend.
Da ich aber noch einem 8-Stunden-Broterwerbsjob im öffentlichen Dienst nachgehe, muss ich das Schreiben auf die Abenstunden und das Wochenende legen.

Jan: Was inspiriert dich beim Schreiben? Musik? Völlig Ruhe? Oder muss der Fernseher nebenbei laufen?
Corinna: Das hat sich in letzter Zeit etwas gewandelt. Früher konnte ich ohne Musik überhaupt nicht schreiben. Beim Überarbeiten dann allerdings brauchte ich komplette Ruhe. Inzwischen habe ich generell nur noch selten Musik an (vielleicht macht sich das Alter bemerkbar, man kann sich ja mit den Jahren nicht mehr sooo gut konzentrieren, wenn anderes ablenkt…  grins). Fernsehen geht gar nicht. Nicht nur, weil in meinem Arbeitszimmer keiner steht, ich  könnte auch kein Gequatsche beim Schreiben haben, dann würde ich überhaupt nichts zustande bringen.

Jan: Wann “rückst” du zum ersten Mal mit deinem Geschriebenen heraus? Abschnittsweise oder erst wenn du das Buch abgeschlossen hast? Brauchst du quasi eine “Schreibbegleitung”?

Corinna: Ganz klare Antwort: Wenn’s fertig ist! Irgendwas Halbgares mag ich nicht rausrücken, wenn ich damit selbst noch nicht wirklich glücklich bin! Tu ich mich sehr schwer mit. Wenn “meine” Fassung fertig ist, kriegt das Manuskript als Erster Jörg zu sehen – und umgekehrt übrigens auch, wir sind gegenseitig unsere ersten “Lektoren”.

Jan: Ich finde, dass du deine handelnden Figuren sehr intensiv, aber auch sehr liebevoll beschreibst. Gibt es für diese Figuren konkrete Vorbilder oder sind reine Produkte deiner Fantasie.
Corinna: Fantasie. Was natürlich nicht ausschließt, dass sich in der einen oder anderen Figur der eine oder andere Charakterzug von Leuten, die man auf der Straße gesehen hat/Bekannten/Freunden/Familie wiederfindet oder auch Äußerlichkeiten. 

Jan: Jetzt mal eine ganz dumme Frage, aber es interessiert mich wirklich: Was empfindest du, wenn du das fertige Buch in Händen hälst?
Corinna: Tja, das ist schon ein ganz nettes Gefühl…  grins schoen Kann ich gar nicht so genau beschreiben. Es ist so eine Mischung aus Fremdheit (weil man das Cover ja bisher nur als jpg kannte und dann plötzlich richtig “echte” 500 Seiten zum Anfassen da vor einem liegen) und Vertrautheit (weil es ja die eigene Geschichte ist, die drin steht und in die man viel Zeit und Liebe “investiert” hat) und Freude (das es jetzt endlich “da” ist, das Kind). Weiß nicht, ob ich mich jetzt klar ausdrücke…

talinka: Wolltest du schon immer ein Buch schreiben, bzw. mit dem Schreiben anfangen? Wie hast du begonnen? Hast du gezielt nach einer Idee gesucht oder kam die einfach von selbst? Wie hat es angefangen?

Corinna: Also, geschrieben habe ich tatsächlich schon immer gern, und ich habe irgendwo noch alte Schulhefte, in denen ich “Romananfänge” nachlesen kann, die ich im Alter von 12 verfasst habe. Nett zum Amüsemang…  grins Ich hätte aber weder damals noch viele, viele Jahre später je geglaubt, dass ich je mal ein ganzes Buch schreibe oder sogar welche veröffentliche – vor allem, weil ich über die ersten paar Seiten nie hinausgekommen bin. In den 80ern habe ich dann mal zwei Star Trek-Geschichten geschrieben – tatsächlich von Anfang bis Ende, nicht lang, aber immerhin. Und dann Ende der 90er war eine Geschichte einfach “in mir drin”. Das klingt jetzt blöd, war aber so. Die habe ich geschrieben, und Jörg meinte, als er sie gelesen hatte, ich solle sie doch  mal seinem Agenten geben. Ich hab mich erst nicht getraut, dann hab ich’s aber doch gemacht. Der fand sie gut und hat sie auch Verlagen angeboten, aber daraus ist dann nichts geworden. Auch aus der zweiten Geschichte nicht. Dann schlug der Agent den Weg über Exposés vor, die man den Verlagen vorlegt. Und so entstand “Eileen”. Ich hatte den Anfang davon schon, es sollte eigentlich eine ganz andere Geschichte werden. Da ich aber Mystery selbst total gern lese und auch gern schreiben wollte, habe ich mich entschieden, den Anfang zu ändern und darauf eine neue Geschichte aufzubauen. Mit dem Exposé, das ich zusammen mit dem für “Das Erbe von Ragusa” eingereicht habe, war der Verlag glücklich – und ich konnte/durfte loslegen!

talinka:
Wie bekommst du diese ganzen Zusammenhänge hin? Wenn ich das richtig verstanden habe, setzt du dich ja auch einfach hin und schreibst, da hast du ja noch nicht die ganze Geschichte in deinem Kopf, oder? Schreibst du dann für dich erst ein grobes Konzept, entwirfst eine Skizze oder schreibst du grob, was dir einfällt und fügst dann hinterher was ein? Und wie wird das dann so “rund”? Ich stell mir das irsinnig schwierig vor!

Corinna: Talinka, einfach hinsetzen und schreiben – so habe ich das ursprünglich mal gemacht. Seit “Eileen” schreibe ich relativ ausführliche Exposés, nach denen ich mich im Großen und Ganzen beim Schreiben auch richte – es gibt also schon das Gerüst der Geschichte, wenn ich “richtig” beginne. Wobei es natürlich hier und da durchaus vorkommt, dass ich vom Exposé abweiche. Ab und zu überrascht mich ein Protagonist/eine Protagonistin und entwickelt sich anders als geplant, da bleibe ich dann nicht am Exposé kleben, sondern ändere entsprechend. Wenn’s so sein soll, dann sogar auch das Ende!
Das Exposé kann auf zwei verschiedene Arten entstehen:
Entweder, ich habe tatsächlich schon viel von der Geschichte im Kopf und füge dann zusammen, was zusammengehört, schaffe Verbindungen, Überleitungen, damit es rund und stimmig wird. Oder – und das trifft ein bisschen häufiger zu – ich habe erst mal nur die Grundidee bzw. einen Anfang. Dann gehe ich in der Tat so vor, dass ich anfange zu schreiben und sehe, was passiert, was machen die Protas, wie entwickeln sie sich? Welche Rolle spielt die Umgebung? Wie lösten die Protas die Rätsel, die wiederum neue entstehen lassen? Diese Entwicklung geschieht dann während des Exposé-Schreibprozesses, und so entsteht nach und nach die komplette Geschichte.
Da ich ja viel mit zwei Zeitebenen arbeite, passiert es auch, dass ich von der einen schon eine bessere Vorstellung habe als von der anderen. Dann kümmere ich mich zuerst um die “fertigere” und widme mich anschließend der, bei der ich noch mehr tun muss. Natürlich passiert’s auch, dass ich mal irgendwo steckenbleibe und dann erst an einer anderen Stelle weitermache. Aber innerhalb einer Zeitebene arbeite ich am liebsten chronologisch, also so, wie es dann später auch im Roman sein soll.

Jan: Wie lange hast du an diesem Buch geschrieben? Gab es auch mal eine Phase wo du das Projekt am liebsten “in die Tonne getreten” hättest? Als du das Manuskript beim Verlag abgeliefert hattest, war die Arbeit mit der Lektorin bzw. Lektor dann nervig oder lief die Zusammenarbeit harmonisch ab.
Corinna: Für ein Buch brauche ich in etwa ein Jahr Schreib- und Recherchezeit. Das geht so ein bisschen Hand in Hand, und ich kann nicht wirklich sagen, wie viel Zeit ich für die reine Schreibarbeit und wie viel für die Recherche brauche. Bei “Ragusa” z. B. habe ich zuerst ganz viel gelesen und erst dann begonnen zu schreiben, zwischendrin aber immer mal wieder gemerkt, was mir noch an Wissen fehlte, und dann halt zwischendrin wieder nachgelesen.
Nein, “in die Tonne” wollte ich “Eileen” nie treten!   lol Natürlich gibt’s Phasen, in denen man nicht so gut vorankommt, man feststeckt und denkt, es wär besser, wenn ich mal eine Zeitlang was anderes mache, damit ich den Kopf frei kriege. Aber dann sitz ich vorm Fernseher oder bin auf dem Stadtfest unterwegs und während alle Welt vor der Musikbühne abhottet, steh ich da und wälze das Problem meiner Protagonisten oder mein eigenes mit dem Manuskript. Bei “Eileen” z. B. habe ich lange mit der Perspektive/den Perspektiven gehadert, aus der/denen ich schreiben sollte. Irgendwann macht’s dann aber mal “pling”, und man hat die Lösung gefunden.
Zum Lektorat: Bei “Eileen” hatte ich einen Außenlektor, mit dem ich persönlich gar nicht in Kontakt war. Ich bekam vom Verlag das lektorierte Manuskript und habe das meinerseits noch einmal bearbeitet, es gab da also in dem Sinne keine Zusammenarbeit. Seit “Ragusa” ist meine Außenlektorin Marion Labonte. Die Zusammenarbeit und der Austausch mit ihr ist nicht nur ausgesprochen fruchtbar, sondern macht sehr viel Spaß, und ich lerne auch viel!


Fragen aus der Leserunde: “Das Erbe von Ragusa”

Firnsarnwen: Corinna, inwieweit hat man als Autorin überhaupt Einfluss auf die Covergestaltung ? Werden einem Entwürfe vorgelegt und man kann dann nur noch z.B. sagen: “Bitte den 2. Entwurf, aber mehr grün” ? Oder kann man selber ein Bild skizzieren, was dann graphisch umgesetzt wird ?
Corinna: Ich kann, was das betrifft, natürlich nur von mir ausgehen, wie das bei anderen Verlagen/Autoren ist, weiß ich nicht. Die Leute, die die Cover designen, orientieren sich zuerst mal an der Handlung. Zum Beispiel bei “Die Steinprinzessin” hat der Illustrator explizit nach dem Schauplatz gefragt und dann nach der Beschreibung ein entsprechendes Bild der “Steinwelt” erstellt. Wenn, wie in meinem Fall bei Lübbe, mehrere Bücher eines Autors geplant sind, wird zusätzlich auch darauf geachtet, dass die Cover zueinander “passen”, man die “Marke Autor” also wiedererkennt – am Namenszug, aber natürlich auch an der Art der Titelbilder.
Als Autor selbst was zu gestalten, ist, soweit ich weiß, generell eher unüblich. Ich bekomme das Cover von meiner Lektorin zugeschickt, die mich nach meiner Meinung fragt, und ich muss gestehen, dass ich mich da bisher immer auf die Erfahrung im Verlag verlassen habe (nicht nur die der Illustratoren, sondern z. B. auch die der Vertreter oder der Leute im Vertrieb, die ja auch wissen, was beim Leser ankommt), da ich selber künstlerisch in dieser Hinsicht eher … unbegabt bin!

Katrin: “Das Erbe von Ragusa” ist in der Ich-Form geschrieben. Warum hast Du Dich dafür entschieden?”Eileens Geheimnis” ist – soweit ich mich erinnere – in der 3. Person geschrieben. Ich kann mich wesentlich besser mit der Person identifizieren, wenn in der Ich-Form geschrieben wird und finde das an diesem Buch sehr angenehm.
Corinna: Hm, ich glaub, ich beantworte die Frage mal andersrum, nämlich, warum habe ich mich bei “Eileens Geheimnis” gegen die Ich-Form entschieden. Eigentlich wollte ich auch da Nathalie erzählen lassen. Das wäre aber letztlich doch schwierig geworden, weil ich ja vier Erzählperspektiven hatte, nämlich Nathalie, Daniel, Eileen und Jack. Das heißt, ich hätte entweder alle vier aus der Ich-Perspektive erzählen lassen, das wäre zu viel und wohl auch ein bisschen verwirrend gewesen. Oder nur Nathalie allein und die anderen drei aus der 3. Person. Ich hätte so eine Mischversion verwendet, wenn es nur 2 Personen gewesen wären, aber bei dreien wäre mir die Ich-Erzählerin zu sehr untergegangen.
Bei “Das Erbe von Ragusa” habe ich ja genau diese 2 Perspektiven, einmal Nella und einmal Mirjana, da ging das, ich hatte damit keine Schwierigkeiten und hoffe auch, dass das beim Lesen gut rüber kommt. “Die geheimen Schlüssel” werden übrigens wieder (und ausschließlich) in der Ich-Form sein!

Katrin: Und dann noch eine etwas persönliche Frage (sag, wenn sie zu persönlich ist, ja?) Du hast das Buch Deiner Freundin Louise gewidmet, oder?
Ist sie so, wie die Louise in dem Buch? Und identifizierst Du Dich (ein wenig) mit Nella? Passiert das vielleicht sogar automatisch, wenn man ein Buch schreibt?
Wenn ja, war das bei “Eileens Geheimnnis” auch so? Haben auch noch andere Personen Ähnlichkeiten mit realen?

Corinna Och nö, das ist mir nicht zu persönlich! (Ich hoffe, Louise geht das auch so, aber sie freut sich bestimmt über das rege Interesse an ihrer Person hier!  grins)
Also, ja, Louise im Buch ist der realen Louise schon sehr nachempfunden. Normalerweise habe ich keine “Vorbilder” für meine Romanfiguren, auch wenn sich natürlich schon mal der eine oder andere Charakterzug des einen oder anderen realen Menschen in einer Figur wiederfindet. Das passiert manchmal bewusst, manchmal unbewusst. Aber so eine kleine Hommage an liebe Menschen – wie hier bei Louise – das gönne ich mir ganz gern und das macht auch Spaß!
Wie weit ich mich mit Nella identifizere? Also, mit Sicherheit ist in jeder Protagonistin ein Stück von mir – das kann ich mir überhaupt nicht anders vorstellen, und auch da denke ich, dass das ganz automatisch passiert (mir jedenfalls). Während des Schreibens “bin” ich auch die Prota – kein Zweifel. Wenn ich das Notebook wieder ausschalte, bin ich wieder Corinna, aber während ich schreibe, bin ich eben auch Nella oder Nathalie oder oder oder. Die eine mehr, die andere weniger natürlich. Und fühle auch so wie sie. Mal mehr, mal weniger. Und weil das so ist, verleihe ich meinen Protas auch gern mal ganz bewusst Eigenschaften, EigenARTEN, die vollkommen gegensätzlich zu meinen sind. Dann kann “ich” nämlich endlich mal das tun, was ich schon immer mal gern tun wollte, aber im echten Leben nie wagen würde.   grins Man hat als Autorin ja ziemlich viel Macht. Ich meine, wenn ich merke, dass das, was da der Prota passiert, eindeutig dabei ist, in die Hose zu gehen, weil sie sich in was Unauflösbares reinmanövriert hat – dann kann ich, wenn ich es denn will, einfach alles rückgängig machen und umschreiben. Das geht ja leider im Wahren Leben nicht…


Fragen aus der Leserunde: “Die geheimen Schlüssel”

Cait: Corinna, gehst Du für Deine Romane auf Recherchereise? Sprich warst Du für diesen Roman in Salzburg und Bath oder hast Du Dir die Infos über die Städte woanders beschafft?
Corinna: Ich bemühe mich, die allermeisten Schauplätze meiner Romane auch selbst zu bereisen. Natürlich kommt’s vor, dass ich Plätze, die für die Handlung nicht soooo wichtig sind, auch mal nur landkarten- oder internetmäßig “kenne”, aber doch selten. Ich brauche einfach ein Feeling für die Orte, die Hauptschauplätze, über die ich schreibe, und könnte mir auch nie vorstellen, einen Roman in einer Gegend spielen zu lassen, die mich selbst überhaupt nicht reizt.
Ganz oft steht für mich das “Wo” am Anfang eines Romans – noch vor dem “Was” und dem “Wie”. Entweder, ich kenne einen Ort schon (aber auch dann gibt’s oft eine zweite oder dritte oder vierte etc. – je nachdem  grins, siehe Guernsey – Reise zur Recherche) – oder ich möchte unbedingt mal hin, und die Recherche ist ein Grund dafür, hinzufahren. 

Cait: Woran schreibst Du denn? Wird es wieder ein Mystery-Roman? Und vor allem, wie lange müssen wir uns noch gedulden?
Corinna: Also, gedulden müsst Ihr Euch noch eine Weile. Der Erscheinungstermin wird erst Frühjahr 2009 sein. An der Ostseeküste gibt es natürlich wieder ein Geheimnis zu lösen. Ein von zwei einander völlig Fremden gemeinsam geerbtes Haus gibt massenweise Rätsel um ein Familiendrama auf, dem dieses Mal eher unmystisch auf die Spur gekommen wird!  schoen

Wuschl: Wie ging es Dir denn als Du mit dem Schreiben fertig warst, gab es eine Figur von Der Du Dich nur schwer verabschieden konntest?
Corinna: wenn ich mit einem Buch fertig bin, bin ich immer so “zweigeteilt”.
Einerseits stellt sich so ein “Ha! Fertig!”-Gefühl der Erleichterung ein, weil es nach einem Jahr Recherche/Schreiben und anschließender Lektoratsarbeit dann “geschafft” ist und man nur noch auf das Veröffentlichungsdatum warten muss. Dann gönn ich mir meist ein bisschen Pause, und die genieße ich auch, so ein bisschen Urlaub, bis es dann mit dem nächsten Projekt weitergeht.
Andererseits hat man natürlich über ein Jahr alles in allem in die Geschichte und in die Figuren gesteckt, mit ihnen geliebt, gelitten, mitgefiebert – das geht ein bisschen über “Arbeit” hinaus, es ist ein Teil des eigenen Lebens geworden. Das kann man nicht von heute auf morgen los lassen, das bleibt schon noch eine ganze Weile bei mir. Manchmal ist das mehr Protagonisten-gebunden (das können auch mehrere sein), manchmal weniger, und es kann auch Schauplatz-gebunden sein. Bei “Die geheimen Schlüssel” würde ich keine Person besonders hervorheben, von der ich mich besonders schwer verabschieden konnte. Obwohl ich Mortimer Grey mit am interessanten fand…

Jana: Kann man davon ausgehen, dass die weiblichen Hauptprotagonisten in Deinen Büchern immer etwas von Dir haben? Das heisst, findest Du Dich in Ihnen wieder? Ich hatte beim Lesen manchmal das Gefühl, dass es sehr realistisch nach “einer Frau von nebenan” klang. Das klingt jetzt blöd aber vielleicht weißt Du was ich meine.
Corinna: Naja, ein bisschen…   grins Es würde mir, glaube ich, schwer fallen, über eine Frau zu schreiben (besonders in der Ich-Form), die mir absolut fremd ist. Ich habe schon von vielen Autoren gehört, dass das für sie überhaupt keine Rolle spielt – und das stimmt auch für mich, was die allermeisten anderen Figuren in einem Roman angeht. Aber genau wie ich mich beim Lesen eines Buches mit der Protagonistin oder dem Protagonisten identifizieren können will, muss das bei mir auch beim Schreiben so sein. Das heißt ja nicht, dass ich persönlich alles ganz genauso machen würde wie sie – im Gegenteil, es ist manchmal sehr reizvoll, sie genau das Gegenteil von dem tun zu lassen, was ich in derselben Situation tun würde!  grins Aber so ein klitzekleines bisschen steckt immer von mir selbst in meinen Protas – nicht immer dasselbe natürlich!


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Auch wenn wir am Aufarbeiten sind, einige alte Inhalte von der ursprünglichen Buchcouch-Homepage fehlen noch.

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Letztes Update: 18. September 2011

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